Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Parteien innerhalb des modernen Judentums.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 4)
- Language
- German
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89 fahr und müsse nunmehr gerettet werden; die liberale Gemeindeverwaltung habe Has Judentum versumpfen lassen und aus dieser Versumpfung wollen sie, die Orthodoxen, die heilige Lehre herausziehen. . . Ein Hauptagitationsmittel der Orthodoxen ist der Ruf, die liberale Gemeindeverwaltung wolle den Gottesdienst „entjüdischen"; sie thue dies durch die Abschaffung der altehrwürdigen Liturgie und der hebräischen Gebetssprache. Derartige Vorwürfe sind von den Orthodoxen stets und jedesmal gemacht worden, wenn es sich um irgend welche zeitgemäße Umgestaltung des Gottesdienstes in unfern Synagogen gehandelt hat. Vor fünfzig Jahren hat Michael Sachs, gewiß eine der festesten Säulen der Neuorthodoxie, freilich auch einer der geistvollsten Erforscher des Judentums, drei gottesdienstliche Reformen für unerläßlich nötig hingestellt: Einführung eines Chores, Abschaffung einiger, sogenannter Gebetstücke, die in Wirklichkeit gar keine sind, und Beseitigung der Unsitte, im Gottes- Hause zu schwatzen (zu „schmußen"). Natürlich jammerten die Orthodoxen über diese „Gesetzesverletzung"; es waren dieselben Orthodoxen, die regelmäßig während der Predigt die Synagoge zu verlassen pflegten. Am meisten ärgerten sie sich über das „unjüdische und widerjüdische" Verbot des Schmußens im Gotteshause. Nächst den zehn Geboten, die unsere Orthodoxen sehr oft nicht halten, ist ihnen nichts so heilig, wie das altehrwürdige Schmutzen in der Synagoge. Wer dies antastet, begeht ein Attentat auf das Judentum und muß aus der Gemeinschaft hinausgedrängt werden." In der That eine recht amüsante.Schilderung, worin die Rechtgläubigkeit bei den Juden eigentlich besteht. Viel Gewicht scheinen die jüdisch Orthodoxen der Frage beizumessen, ob der Gesang in der Synagoge durch eine Orgel begleitet werden darf oder nicht. Die „A. Z. d. I." erzählt (1899, Nr. 2), daß der Freiherr von Oppenheim vov dreißig Jahren der Gemeinde in Köln eine Synagoge geschenkt habe, in die, seinem Wunsche gemäß, keine Orgel gekommen sei. „In der Synagoge zu Köln wird noch immer nicht die Orgel gespielt und man betet dort noch immer aus dem alten Siddur. Nichtsdestoweniger hat sich auch in Köln eine sogenannte orthodoxe Partei von der Hauptgemeinde abgezweigt und eine besondere Synagoge errichtet, in der man auch noch das Gebet für das Wohl der Exilsfürsten von Babylon an jedem Sonnabend und sämtliche Piu?im*) an den Festtagen betet. Man sieht also, daß für die Be- 9 Zum Verständnis dieser Stelle mögen die folgenden Angaben dienen, die wir einem Kenner des jüdischen Ritus verdanken: „Siddur" ist das jüdische Gebetbuch, das die täglichen Gebete enthält: das Festgebetbuch heißt „Machsor". Beide, besonders der Machsor, enthalten neben prosaischen Gebeten (Thephilloth) auch solche in poetischer Form, das sind die „Piutim". — Unter den Prosa-Gebeten befinden sich alte Gebete aus talmudischer- Zeit, so im Siddur das allsabbathliche Gebet für die Weisen im Abend- und Morgenlande und auch das oben angeführte für den jedesmaligen Exilfürsten (Resch galuta), d. h. für das religiöse Oberhaupt der babylonischen Juden in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Diese Exiliarchen waren das Bindeglied zwischen den jüdischen Gemeinden und der babylonischen Regierung, etwa wie die Landesrabbiner in verschiedenen unserer Bundesstaaten oder die russischen Regierungsrabbiner. Da man in der jüdischen Liturgie möglichst nie änderte, blieb das Geber bis heute in der alten Form erhalten und die Fürbitte für den Exilssürsten bei den orthodoxen Gemeinden in Gebrauch, wobei jedoch natürlich der Exilsfürst allegorisch aufgefaßt wird als einer der geistigen Führer des heute in der Zerstreuung lebenden Judenvolkes. Ohne diese Allegorie würde dies Gebet heute so widersinnig sein, als wenn wir etwa im sonntäglichen Kirchengebete um langes Leben und Wohlergehen für Hermann, den Cherusker oder den Kirchenvater Eusebius bitten wollten. — Unter den Piutim des Machsor befinden sich übrigens nicht wenige von ziemlich fanatischem Charakter, besonders solche, die Schmähungen Andersgläubiger, speziell der Christen und Christi selbst enthalten (s. Eisenmenger, Entdecktes Judentum I, 134 ff.). Diese werden heute von den gemäßigt Orthodoxen und noch mehr von den Reformgemeinden beim Festgottesdienste ausgelassen, fehlen auch zum Teil in den neueren Ausgaben des Machsor. Jene Ultra-Orthodoxen aber beten (wie der obige Artikel besagt) noch alle Piutim, also auch jene fanatischen Stellen mit.