Mannheim
Compact Memory

Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Freisinnigen im Wahlkampf. · p. Seite 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Freisinnigen im Wahlkampf.
Date
1900-01-01
Page
Seite 84 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9038025-9038027-423305--098-185082
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

84 werden soll. Veranlassung hierzu giebt der Ausfall der Landtogswahlen. Der mangelhaften Organisation in den Rheinhessischen Wahlkreisen und dem Unterbleiben jeder Agitation der freisinnigen Partei fei die traurige Thatsache zuzuschreiben, daß vor den Thoren von Mainz (Wahlkreis Wörrstadt) der bisherige langjährige Abg. Christ dem Antisemiten Wolf weichen mutzte. Ferner seien die Kandidaten in Wöllstein und Alzey unterlegen. Im übrigen Hessen hänge die d eutsch freisinnig e P artet nur noch an einem Faden, deshalb wolle man in Mainz seine Thätigkeit nur noch auf Rheinhessen beschränken." Datz eine derartig vermorschte Partei dem Ansturm der Sozialdemokratie nicht gewachsen ist, leuchtet ein; sie fällt ihr wehrlos zur Beute. Und es ist kaum noch mehr als eine Frage der Taktik, wie lange die „Genossen" ihr noch Galgenfrist gewähren, — Grund genug für den freisinnigen Parteipapst Eugen Richter, es mit dem sozialdemokratischen Parteipascha Singer nicht zu verderben. Und da höfliche Leute nicht nur mit Tbaten, sondern auch mit Worten danken, war es nur recht und billig, daß man nicht nur that, was man konnte, um möglichst viele „Genossen" in den Reichstag zu bringen, sondern auch dort, wo man umgekehrt ihre Unterstützung genossen hatte, nach der Wahl durch eine zierliche Verbeugung bei der Sozialdemokratie für ein gutes Andenken sorgte. So dachte jedenfalls den in G log au gewählte Kandidat der freisinnigen Vereinigung, Fabrikbesitzer Hoffmeister, als er folgende Danksagung erließ: „Als nunmehr gewählter Vertreter des Glogauer Wahlkreises im Reichstage danke ich allen, welche im Wahlkampfe für unsere gute Sache eingetreten find mitv Opfer gebracht haben, auch den Anhängern der Sozialdemokratie,, welche in wohlverstandenem eigenen Interesse bei der Stichwahl einmütig an unserer Seite gestanden haben." Wie den „staatserhaltenden" Schleppenträgern des Freisinns dies gefallen hat, wissen wir nicht; sie haben's für sich behalten. Vielleicht indessen revidiert die „Norddeutsche Mg. Ztg." ihre Ansicht über „die ehrenvolle Mission" des Freisinns, die Sozialdemokratie zurückzudrängen, nach diesem doch noch einmal. Die Reverenz aber, die Herr Hoffmeister dem roten Hute erweist, ist kennzeichnend für die unglückselige Lage des Freisinns: vollständig unfähig, sich aus eigener Kraft über Waffer zu halten, ist er ein willenloses Anhängsel der Sozialdemokratie geworden, das die Unterstützung reichsfeindlicher Elemente nicht mehr entbehren kann und sie deshalb mit allerhand demütigenden Zugeständnissen erkaufen muß. Würdig reiht sich in dieser Beziehung an obige Erklärung des Herrn Hoffmeister das Verhalten eines andern ueugewählten Mitgliedes der „Vereinigung", des Schneidemühler Schuldirektors Dr. Ernst, durch die Gnade der Polen (Sozialdemokraten giebt es in jenem Kreise nur 107) Reichstagsabgeordneten für Tscharnikau-Filehne-Kolmar. Ueber ihn teilte die „Deutsche Ztg." (30. Junis folgendes mit: „Herr Ernst hat öffentlich erklärt, daß er die Bestrebungen des H. K. T.- Vereins (Verein zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken) in keiner Weife billige. Am 7. Mai liefe Herr Ernst in einer Versammlung von polnischen Vertrauensmännern durch einen polnischen Arzt aus Schneidemühl die Erklärung abgeben, daß er stets gegen alle anti-polnischen Gesetze gewesen sei und gegen alle weiteren Ausnahmegesetze gegen die Polen stimmen werde; er würde sich den Polen zu Dank verpflichtet fühlen wenn sie gleich im ersten Wahlgange für ihn stimmen würden." Also Juden, Sozialdemokraten und Polen; das sind die Leute, nach deren Pfeife der heutige Freisinn tanzt! Was bei einer derart unnatiönalen Politik für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.