Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9038025-9038027-423305--097-185081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 'wessen Kosten?) sogar eigens ein Flugblatt verbreiten, in dem er erklärte, er könne für die Stichwahl den antisemitisch-konservativen Kompromißkandidaten Tischlermeister Pauli nicht empfehlen, weil derselbe keine bindende Erklärung für-die gesetzliche Festsetzung der zweijährigen Dienstzeit bei den Fußtruppen sowie für das bestehende Reichstagswahlrecht abgegeben habe. Mit Recht wurde diese Behauptung von der andern Seite als unwahr gekennzeichnet. Ja, es ist sogar schwer, in diesem Falle nur an eine Leichtfertigkeit Dr. Mugdans zu glauben: Gerade die Frage des Reichstagswahlrechts hatte bei Abschluß des antisemitisch-konservativen Kompromisses die Hauptrolle gespielt, so wurde der von konservativer Seite vorgeschlagene Rechtsanwalt Lüdicke-Spandau von den Antisemiten sofort abgelehnt, als er sich mißfällig über das geheime Wahlrecht äußerte. Jedenfalls hätte Herr Mugdan, ehe er ein derartiges Schriftstück veröffentlichte, die Pflicht .gehabt, über die Stellung seines Gegners in diesen Fragen Erkundigungen ein- .zuziehen; ein — kluger Politiker hätte dies schon zu Beginn des Wahlkampfes gethan.^) Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß ein erheblicher Teil der früher freisinnigen Wähler ohne weiteres ins sozialdemokratische Lager überläuft, ohne die Parole erst abzuwarten. So hängt in Ostpreußen das Anwachsen der Sozialdemokatie aufs innigste mit der Auflösung des Freisinns zusammen. Dies wurde auf dem 99 er Parteitag der Volkspartei für Ostpreußen in Königsberg offen, .zugegeben. Ueber das Bild, das dort von den Verhältnissen der Partei entrollt wurde, schreibt die „Vossische Zeitg." (5. Dezb. 99): „Es gab freilich freisinnige Vereine in verschiedenen Wahlkreisen, allein trotz dieser Vereine schlummerte das politische Leben bis auf Königsberg und Tilsit überall. Kamen die Wahlen in Sicht, so schlug die „Königsbg. Hart. Ztg." allerdings auf die große Trommel und die Vereine traten zusammen, um zu be- Ichließen, was zu geschehen habe. Und -es wurde auch beraten, und es wurde Leschlossen und zwar in der Regel, daß nichts geschehen dürfe. Es war auch weiter nichts zu machen, denn wo die Parteileitung jegliche Fühlung mit dem Volke verloren hat, da kann die Parteiwohlfahrt nicht gedeihen. Es wurden zwar Kandidaten ausgestellt. aber diese Herren beschränkten sich darauf, allen, welche die verlorne Liebesmüh nicht scheuten, zu erlauben, für sie zu stimmen. Das waren die Wahlkämpfe in Ostpreußen." Dann wird behauptet, in Königsberg und Tilsit stehe es besser: „Sonst aber rst überall eine Wüste. Das Parteileben ist zu einer Mumie geworden, der selbst ein Parteitag keinen Odem auch nur für wenige Stunden einzuhauchen vermag. Die Folgen dieser Erstarrung im liberalen Bürgertum haben wir gesehen: Zu Tansenden sind die mißgestimmten Kleinbürger und Arbeiter zur Sozialdemokratie ab geschwenkt." Eine ähnliche Katzenjammerstimmung begleitet in Hessen den ständigen -Rückgang des Freisinns. So konnte die „Deutsche Volkswacht" (29. Novb. 99) folgenden Notschrei aus dem Lager der Juden bringen: „In der „Franks. Ztg." lesen wir: l Rheinhessen eine stramme Organisation 'Die deutschsreisinnige Partei beschloß für > zu gründen, die von Mainz aus geleitet 9 Anm.: Herr Dr. Mugdan scheint übrigens, abgesehen von seinem Parteistandpunkt, auch persönliche Gründe zu haben, die ihn einem siegreichen antisemitischen Gegner gegenüber in derartige blinde Wut versetzten. Er ließ sich verleiten, trotz seines Abfalls bei der Reichstagswahl, die freisinnige Landtagskandidatur in Potsdam nnzunehmen, erhielt allerdings von 216 abgegebenen Stimmen nur 14. Bei dieser Gelegenheit wurde in einem Aufrufe des der konservativen Partei nahe stehenden neuen Wahlvereins zu Potsdam öffentlich die Frage erörtert, ob Herr Mugdan Jude oder Christ sei. Er hatte mämlich die Angabe, er sei Jude, für eine „Lüge" erklärt. Darauf erschien im „Potsdamer Jntelligenz- Llatt" (28. Oktob.) folgende Notiz: „Herr vr. Mugdan schreibt: „Es ist unrichtig, daß ich nicht vom Judentum übergetreten bin. Ich bin seit mehr als fünf Jahren evangelisch." — Das genügt. 6*