Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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78 nicht im geringsten. Aber Lügen haben kurze Beine, und gerade die jüdische Sensationssucht verdarb diesmal das Spiel. Das „Berliner Tagebl." wollte sich seinen Lesern besonders interessant machen, indem es Leiters Bildnis brachte, und glücklicherweise hat es die Natur so eingerichtet, daß die Stammesgenossen Josefs kenntlich sind, mögen sie nun in Aegypten oder Amerika ihren Kornwucher treiben. Das war ein böser Reinfall. Es ist überhaupt manchmal mißlich, für nicht einwandfreie Sachen einzutreten. Das sollte Herr Hermes im Kreise Jauer- Bolkenhein-Landeshut erfahren. Eine im „Jauerschen Stadtblatt" veröffentlichte Lebensbeschreibung rühmte ihm nach, er habe im Parlament bewiesen, daß er „eigene Gedanken über bedeutende wirtschaftliche Fragen geschickt Vorträgen könne" u. a. durch seine Rede gegen die Saccharin beste ueru ng. Das veranlaßte die konservativbündlerischen Gegner, die Saccharinfrage in einem Flugblatt einmal gründlich zu beleuchten: „Was ist Saccharin? Saccharin ist ein chemisches Präparat aus Steinkohlentheer, das Vierhundertmal süßer ist als Zucker. Zucker ist nahrhaft und der Genuß desselben erhöht die Leistungsfähigkeit der Muskeln. Saccharin ist dagegen der Verdauung schädlich, so daß z. B. jetzt berühmte Aerzte nicht mehr gestatten, die Speisen mit Saccharin zu süßen." Es wird dann auseinandergesetzt, daß Saccharin u. a. zum Panschen sog. Ammenbiere verwendet wird usw. Dann heißt es weiter: „Als gelegentlich der Beratung über das Margarinegesetz eine bedeutende Margarinefabrik sich an die Spitze einer Bewegung stellte, um unserem Vaterlande die Margarine zu erhalten, gab der gesamte „Freisinn" den Hintergrund für diese rein zur Wahrung materieller Interessen in Szene gesetzte Agitation ab. In einer Berliner Zeitung steht darüber zu lesen: „Schnödere Jnteressen-Politik ist kaum jemals getrieben worden, als bei jener Gelegenheit! Glücklicherweise aber war diese unter der Führung eines Margarine- Fabrikanten „hochgehaltene" Politik nicht siegreich. — In der Saccharin-Angelegenheit aber spielt auch wieder die ödeste Jntereffenwirtschaft die führende Rolle! Eine einzige Saccharin-Fabrik ist es, von welcher die ganze Petitions-Bewegung ausgeht, und die kostbare Zeit des Reichstages soll gemißbraucht werden, um einer einzigen Fabrik den Profit zu garantieren! Zu solchen Manövern geben sich die Freisinnigen her. Solche Jnteressen-Politik treibt diejenige politische Richtung, welche den Konservativen einseitige Jnteressen-Politik vorwirft, welche behauptet, nur das Gemeinwohl im Auge zu haben. Bedenkt man noch, daß die Börse von jener Seite geschützt und gefördert wird, wie kein anderes freisinniges „Ideal", und daß Geschäfts kniffe, Wucher und Bazar-Unwesen im Freisinn die „selbstloseste Jnteressen-Vertretung" besitzen, so kann man als unbestreitbar hinstellen, daß die Freisinnigen nichts weiteb als einseitige Jnteressen-Politiker sind und daß die Interessen, welche sie vertreten, nicht zu den berechtigten gehören." — Freilich, sogar ein freisinniger Abgeordneter ist gegen Hermes aufgetreten, das ist der in Bier-Angelegenheiten sachverständige Abg. Rösicke. Wie der freisinnige Gutsbesitzer Seydel - Kelchen — welcher selbst eine Brennerei besitzt — nachgewiesen hat, daß das Märchen von der Liebesgabe von dem vierzig Millionen-Geschenk an die Branntweinbrenner nur eine freisinnige Erfindung ist, so ist der Brauereibesitzer Rösicke im Reichstage energisch gegen den Saccharin-Schwindel ausgetreten, weil er genau wußte, worum es sich handelt. Die „Neue Preußische Ztg." schreibt dazu in einem kürzlich erschienenen Artikel: „Der ganze Reichstag, einschließlich der Sozialdemokratie trat den Kommissions- Beschlüssen hinsichtlich des Saccharins bei. Nur die freisinnige Volkspartei unter Führung des Abg. Dr. Hermes kämpfte bis zuletzt mutvoll in Anträgen für die Freiheit des Saccharins. Als dieser nun gar die öffentliche Beschuldigung gegen eine bekannte Saccharinfabrik, sie habe den Brauereien Geldmittel angeboten, wenn sie an der Agitation für freie Verwendung des Saccharins sich beteiligen wollten, als unwahr bezeichnete, las Herrn Hermes der Sozialdemokrat Wurm das betreffende Originalschreiben jener Fabrik vor! Das Bild war köstlich! Hinter dem Abg. Wurm stand auf der Tribüne der Abgeordnete