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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Freisinnigen im Wahlkampf. · p. Seite 77

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Freisinnigen im Wahlkampf.
Date
1900-01-01
Page
Seite 77 (sequence 11)
Language
German
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77 Das Hauptzugstück der Agitation war natürlich die bekannte Schimpferei über die „Agrarier", „Lebensmittelverteurer", „Beutepolitiker" u. s. w., trotzdem sie selbst, wo es in ihre freisinnigen Stadtsäckel geht, Einnahmen aus Besteuerung von Lebensmitteln keineswegs verschmähen. So hielt ihnen ein sozialdemokratisches Flugblatt im 6. schleswig-holsteinschen Kreise vor: „In vielen Städten, in deren Verwaltung Anhänger sogar der freisinnigen Volkspartei die Mehrheit haben, bestehen nach wie vor noch besondere städtische indirekte Steuern, so z. B. in Nürnberg die Mahlsteuer — ein Einfuhrzoll auf Mehl und Brot; in Breslau die Schlacht ft euer — ein Einfuhrzoll auf Fleisch und Vieh." Zu dieser Frage bemerkte am 18. Oktober 98 die „Staatsbgr.-Ztg.": „Daß nirgends höhere indirekte Steuern erhoben werden, als in der freisinnig verwalteten Stadt Berlin, und noch dazu auf die notwendigsten Lebensmittel und -Bedürfnisse, haben wir schon wiederholt nachgewiesen. Jetzt rechnet dies wieder einmal die „Deutsche Tages- Ztg." der „Voss. Ztg." vor, indem sie der letzteren selbst folgende Aufstellung entnimmt: Wir finden im Jahrbuche von 1895 eine Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben der Stadthauptkasse nach den Finalabschlüssen für 1895/96 (Seite 551 ff.), aus welcher sich folgendes ergiebt: Städtische Gasanstalten: Ueberschuß 3 650 514 Mk. — Städtische Wasserwerke : Ueberschuß 2111555 Mk. — Zentral-Viehmarkt: Ueberschuß 600 982 Mk. — Zentral - Schlachthof: Ueberschuß: 235 008 Mk. — Fleisch sch au aus dem Schlachthofe: Ueberschuß 64460 Mk. — Fleischschau für ein geführtes Fleisch: Ueberschuß 60 532 Mk. — Auch bei der Markthallen-Verwaltung ist ein Ueberschuß von 85 716 Mk. verzeichnet. Bei den Kanalisationswerken ist allerdings ein Zuschuß von 1 586 499 Mk. notwendig gewesen. Es ergiebt sich also, daß die Berliner an die Stadt 1895/96 eine Fleischsteuer nicht von 600000 Mk., sondern von fast einer Million Mark zu zahlen hatten, wenn man, wie es selbstverständlich ist, die Ueberschüsse des Viehmarktes, des Schlachthofes und der Fleischschau zusammenrechnet." Thut nichts. Wenn die Fleischpreise steigen, schreit die jüdisch-sreisinnige Presse über die „begehrlichen Agrarier"; sind die Semmeln klein, sind die „Junker" schuld. Die mußten natürlich auch herhalten, als im Frühjahr 1898 die Weizenpreise außerordentlich anzogen. Und doch war es sicher gerade der Börsenschutzpartei am besten bekannt, wo die Brotwucherer damals steckten.Z Schließlich als die Haupt-Wahlen vorüber waren, gab das „Berliner Tageblatt" zu, was sich nicht länger verbergen ließ: „Josef Leiter ist der amerikanische Spekulant, dessen waghalsige Operationen für den gesamten internationalen Weizenmarkt seit Ende vorigen Jahres von maßgebendem Einfluß waren, und der es vorzugsweise verschuldet hat, daß in den letzten Monaten der Weizenpreis in der ganzen Welt eine selbst über sogenannte Notstandspreise hinausgehende Höhe erreicht hatte. Nachdem Leiter zahllose Millionen eingeheimst, hat ihn sein Schicksal ereilt." Aber auch jetzt noch suchte die freisinnige Presse wenigstens das liebe Judentum reinzuwaschen. Die „Vosstsche Ztg." ließ sich aus Neu-Iork „kabeln" ^als ob es dadurch glaubhafter würde!), Josef Levi Leiter sei „Vollblut-Arier". Daß bei seinem deutsch klingenden Namen nun unser Volk in den Verdacht kam, die Welt mit diesem gewissenlosen Brotverteurer beschenkt zu haben, beunruhigte die Tante Voß natürlich i) Der amerikanische Getreidespekulant Levi Joses Leiter, dem es gelungen mar, allen im Handel vorhandenen Weizen aufzukaufen, benutzte damals den spanisch-amerikanischen Krieg als Vorwand zu der ungeheuerlichsten Preistreiberei. Die Tonne Weizen, von Neu-Aork nach Berlin bezogen, kostete am 1. April 1898 nur 205,60 Mk, am 25. April 228,60 Mk., am 26. (Kriegserklärung) 239,80 Mk. und schnellte am 11. Mai gar auf 352,35 Mk. empor! Also nicht die Landwirte waren es, die den Weizenpreis in die Höhe schraubten (sie hatten um diese Jahreszeit meist kaum noch Getreide vorrätig), sondern ein Mann, der dem Freisinn erheblich näher steht als den „Agrariern".

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