Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Juden und ihr Wesen zuweilen recht zuwider sind <vgl. Antis. Jahrb. 98 S. 84 u. 209). Bei dieser Lage der Dinge können sich die Führer des Freisinns dann freilich auch nicht wundern, wenn sich in nationalen Kreisen die Ansicht mehr und mehr Bahn bricht, daß der Judenschutz weniger Ueberzeugungssache ist als vielmehr ein politisches Geschäft: Das Judengeld und die Judenpresse sind es allein, die das abgetakelte Freisinnsschifflein noch über Wasser halten. Ehrlich ist solche Politik freilich nicht, aber auch nicht unehrlicher als das Treiben der Freisinnigen in anderer Beziehung. Dasselbe Doppelspiel überall. Während man sich mit Vorliebe als die zu „unentwägtem" Kampfe gegen Gouvernementalismus und Bureaukratie berufene Partei anpreist, weiß man auch wiederum in Gegenden mit weniger oppositioneller Bevölkerung gelegentlich sehr hübsch den Regierungsfrommen zu spielen. Da kam dem Freisinn der Brief des Reichskanzlers Fürsten zu Hohenlohe an den „roten" Prinzen Heinrich von Schönaich-Carolath sehr gelegena) und wurde in der würdelosesten Weise ausgebeutet. So schrieb ein freisinniges Flugblatt im Wahlkreise Stolp-Lauenburg: „Auf unserer Seite steht auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe. Auch er, der Reichskanzler will nichts wissen von den Ueberhebungen der Junker. Er hat sich offen für die liberale Sache ausgesprochen, weil er nicht die Regierung zum Segen des Vaterlandes führen kann, wenn die Junker obenauf kommen." Ein geradezu tolles Stückchen von Wahlmache mit doppeltem Boden brachten die Freisinnigen in Jauer-Bolkenhain-Landeshut fertig. In einem dort verteilten Flugblatt rühmen sie sich: „Im Jahre 1887 und 1893 waren die Mitglieder der heutigen freisinnigen Volkspartei ausschlaggebend für die Annahme oder Ablehnung der Militär- Vorlage und damit gegen oder für die Auflösung des Reichstags. Diese freisinnigen Abgeordneten sind gleichwohl bei ihrem ablehnenden Votum stehen geblieben, obwohl sie im Falle einer Auflösung große Verluste in ihrer Partei gewärtigen konnten, Verluste, die auch thatsächlich eingetreten sind. — Fürwahr, die freisinnige Volkspartei hat sich als eine sturmerprobte, wetterharte Partei für Freund und Feind erwiesen." Und in demselben Kreise behaupten sie in einem andern Flugblatte: „Was wir vollen, die freisinnige Volkspartei: Wir wollen das Reich stark und machtvoll nach außen ebensowohl wie die Konservativen und haben die hierfür unvermeidlichen Opfer stets willig getragen." Eine andere dem Freisinn sehr unbequeme Frage war die nach seiner Stellung zu den Großwarenhäusern u. s. w. Wie man sich um diese Sache herumredete, zeigt Nr. 4 der „Wahlzeitung für die Westprignitz": „Steuersucht ist eine schlimme Krankheit. — Umsatzsteuern, eine Folge der vorerwähnten ansteckenden Krankheit. Man kann große Umsätze machen und doch ohne Nutzen arbeiten. Nur das Einkommen, der wirkliche Nutzen, kann besteuert werden. Hütet Euch vor neuen Steuern, die schließlich jedem Gewerbetreibenden auferlegt werden. Durch Steuern die wirtschaftlichen Verhältnisse regulieren wollen, welch' unsinniges Vorhaben! — Warenhäuser, Versandhäuser 2c. Kauft im Kreise, überlaßt es den Junkern und Konservativen, bei Offiziersvereinen und großen Warenhäusern ihre Einkäufe zu machen. Kauft bei Euren Mitbürgern. Schützt Euch gegenseitig und damit den Mittelstand." i) Der Hergang ist kurz folgender: Der liberale Prinz von Schönaich-Carolath, der im Wahlkreise Guben als Gegner den konservativ-bündlerischen „Sammlungs"-Kandidaten Regierungspräsidenten von Heydebrand hatte, sollte einem Gerücht zufolge wahlmüde sein. Da erhielt er ein Schreiben des Reichskanzlers, mit dessen Sohn er in engen Beziehungen steht, des Inhalts, der Kanzler werde sich reuen, den Prinzen im nächsten Reichstage wieder zu sehen