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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Freisinnigen im Wahlkampf. · p. Seite 75

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Freisinnigen im Wahlkampf.
Date
1900-01-01
Page
Seite 75 (sequence 9)
Language
German
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75 Weinstube von A. W. Kolshorn Hierselbst und trinkt Sekt (dessen Genuß in freisinnigen Kreisen ja nur den Junkern verübelt wird), natürlich französischen, um den kosmopolitischen Zug seiner Gesinnung hervorzuheben. Da tritt ein harmloser, angesehener Gewerbetreibender der Stadt mit einem langjährigen Geschäftsfreund jüdischen Glaubens in das Zimmer und stellt ihn vor, woraus ihn der freisinnige Herr Fahle mit den Worten empfängt: „Was wollen Sie hier? Juden haben hier nichts zu suchen". Der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, Leyser ist sein Name, faßt die Sache erst scherzhaft aus und erwidert dementsprechend. Schließlich aber nimmt das Gespräch einen so ernsten Charakter an, daß der mitanwesende Fabrikbesitzer Rimpler sich des Herrn Leyser annimmt, ihn unter seinen Schutz stellt und Herrn Fahle sein unqualifizierbares Betragen verweist. Dieser bedroht ihn darauf mit Thätlichkeiten, wendet sich aber, hier abgewiesen, an Herrn Leyser und versetzt ihm eine Ohrfeige, worauf dieser sich den kleinen Homunkulus greift, ihn zu Boden wirst und ihm mit Zins und Zinseszins seine Auslagen ersetzt. Am andern Morgen fand in demselben Lokal große Versöhnung statt". Derselbe Kampf zwischen offizieller Judenfreundlichkeit und geheimem Groll über die „Unarten" des auserwählten Volkes scheint auch in der Brust des Abgeordneten Kn örcke zu wogen, wenigstens darf man das aus folgenden Mitteilungen schließen, die dasselbe Blatt am 8. Februar 99 machte: „Vor dem Reichstage entstand gestern ein Auflauf zwischen einem Verkäufer und dem allbekannten Abgeordneten Knörcke. Der Verkäufer hatte, um seine Waren (Ansichtskarten u. s. w.) zugkräftiger absetzen zu können, sie ausgerufen mit dem Zusatz: gegen Anarchisten, Inden und Sozialdemokraten! Viele Abgeordnete ebenso die von der Kriegsakademie kommenden Offiziere waren vorübergegangen, ohne den Mann zu beachten. Nur Herr Knörcke, rot wie ein Puter, lief auf den vor dem Reichstagsgebäude stehenden Schutzmann zu, fragte, wie dieser Preuße dazu komme, seine Meinung frei zu äußern, und noch dazu so laut? Warum der Mann nicht ausgewiesen werde, der die Edelsten der Nation so kränke? Der Schutzmann erwiderte, der Mann habe seinen Gewerbeschein und könne ruhig seine Sachen verkaufen. Knörcke ging grollend in das Reichsgebäude, indem er im Abgehen sagte, er werde sich beschweren und dem Skandal schon ein Ende machen. In der Thai sahen wir, wie er später im Sitzungssaals einem Geheimrat den Bruch des Völkerrechts heftig gestikulierend mitteilte. ... Bei dieser Gelegenheit erinnern wir uns einer andern kleinen ' Geschichte, von der vor Jahren in Volksversammlungen und Zeitungen viel die Rede war. Es war am Tage des Einzuges des gegenwärtigen Kaisers mit seiner jungen Gemahlin "in Berlin. Dicht gedrängt umstand eine vieltausendköpfige Menschenmenge den Potsdamer Bahnhof. Da trat mit allen Zeichen heftiger Erregung ein kleiner wohlbeleibter Herr auf einen dienstthuenden Polizeileutnant zu und fragte: „Ist es denn erlaubt, Herr Leutnant, Stühle aufs Trottoir zu stellen und sich darauf?" „Nein", sagte der Hüter der Ordnung. „Aber dort stehen sie ja", erwiderte erregt der kleine Herr, mit dem Finger auf mehrere Damen weisend, die auf Stühlen auf dem Trottoir standen: „So unverschämt können natürlich nur Judenweiber sein", setzte er laut hinzu. Auch der Held dieser kleinen, in allen Teilen wahren und beweisbaren Geschichte ist der Adg. Knörcke". Daß der Abg. Lenz mann seine Erfahrungen über die Judenfrage in die Worte zusammenfaßte, „s o' n bischen Antisemit ist doch wohl jede r", ist bereits im Jahrbuche für 98 (S. 83) besprochen worden. Ja, selbst von E u g e n R i ch t er, den Juda früher als seinen treuesten Ritter ansah, sind Aeußerungen in die Oeffentlichkeit gelangt, aus denen hervorgeht, daß ihm die Rechtsanwalt und Notar in Schwiebus thätig, da ich nur an den wichtigsten Plenarsitzungen des Reichstages t e i l z u n e h m e n in der Lage bin; auch zu diesen treffe ich rechtzeitig ein, wenn ich den Mittagszug benutze. C. Fahle, Rechtsanwalt und Notar M. d. R." — Der „Mittagszug" von Schwiebus trifft in Berlin um 2 Uhr 55 Min. ein, Herr Fahle kann also gegen 3*/* Uhr auf feinem Platz im Reichstage fein, die Sitzungen aber werden meist um 11(i Uhr eröffnet.

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