Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Wahlrechtes sei nur zu billigen. Herr Dr. Barth verurteilte demgegenüber in einer Kieler Versammlung die Beschränkung des Wahlrechts in Kiel aufs schärfste. — Wer hat nun Recht?" Offenbar vom Standpunkt freisinniger Partei-Moral aus alle drei. Der Kieler Stadt-Freisinn verkümmert das Wahlrecht, damit ihn die Sozialdemokratie nicht aus dem Rathause verdrängt. Dann kommt vor der Reichstagswahl, die mit dieser Sache nichts zu Lhun hat, Herr Barth und entrüstet sich sittlich darüber. Das kostet die Partei nichts, denn die freisinnigen Kieler Stadtväter thun doch, was sie für gut befinden. Inzwischen kann Herr Hoeck draußen auf dem Lande, wo man von Erweiterung des Kommunalwahlrechts nichts wissen will, auf den musterhaften Kieler Freisinn Hinweisen, der dafür sorgt, daß die Besitzlosen nicht zu übermütig werden. Ein ähnliches Doppelspiel läßt sich auf den verschiedensten Gebieten beobachten. Sogar die lieben Juden verleugnete man, wenn Not am Mann war. So sagt ein Wahlaufruf für (den Abgeordneten) Casselmann in Eisenach-Dermbach, wo man stark mit dem Antisemitismus rechnen mußte: „Betrachten wir dagegen das Programm der freisinnigen Volkspartei. Dies verlangt gleiches Recht für Alle. Mit Judenfreundschaft und Judenfeindschaft hat dasselbe nichts zu thun. Wir verlangen, daß der Jude genau wie jeder Andere die Strenge des Gesetzes fühlen soll, wenn er dasselbe verletzt. Wer als Mitglied unserer Partei den Juden nicht gewogen ist, braucht nicht mit ihnen zu verkehren." — Dann kann er aber auch nicht Mitglied eines freisinnigen Vereins werden, denn in diesen führen „unsre Lait" doch stets das große Wort. Der in Sensburg-Ortelsburg als Kandidat des „Nordost" bezw. der „Vereinigung" ausgestellte Gnesener Drogist Lewandowski brachte es sogar fertig (vielleicht mit Rücksicht auf seinen etwas verdächtig klingenden Namen?), sich direkt als Antisemiten auszugeben (vergl. „Deutsche Ztg." 19. Juli) oder, wie sich die „Vossische Ztg." ausdrückte, „die schamloseste Judenhetze zu betreiben". In Stettin machte, wie der dortige „Volksbote" (21. Mai) berichtet, der volksparteiliche Kandidat, Rechtsanwalt Sparagnapane die Bemerkung, „die Juden hätten manche Eigenschaften, die uns Germanen nicht gefallen". Herr Sparagnapane als Germane, kein übler Witz, spöttelte dazu ein sozialdemokratischer Gegenredner. Selbstverständlich soll keineswegs bezweifelt werden, daß einzelnen Führern der freisinnigen Partei thatsächlich eine gewisse Abneigung gegen das Judentum inne wohnt, es ist vielmehr bereits im Jahrbuche für 1898 (S. 209) darauf hingewiesen, daß ihnen anscheinend selbst die Judenwirtschaft in der eigenen Partei zuweilen zu bunt wird. Und daß alsdann dieser Widerwille gegen die Juden in einer Formlosigkeit herausplatzt, zu der sich ein geschulter Partei-Antisemit nicht leicht Hinreißen lassen wird, ist bei der den Freisinnigen gerade durch den jüdischen Einfluß zur Gewohnheit gewordenen überaus hämischen und brutalen Kampfesweise nicht zu verwundern. Nur auf diese Weise ist folgendes Abenteuer des freisinnigen Abgeordneten für Krossen-Züllichau-Schwiebus, des Rechtsanwalts Fahle, zu erklären, das die „Staatsbürger-Ztg." am 29. Oktober 99 mitteilte und das wir für thatsächlich gejchehen ansehen müssen, da Herr Fahle nicht versucht hat, es in Abrede zu stellen: „Der freisinnige Reichstagsabgeordnete Rechtsanwalt F ahle,Vertreter des Wahlkreises Krossen - Züllichau - Schwiebus ft scheint plötzlich sein judenfeindliches Herz entdeckt zu haben, . . . Sitzt da am 19. Oktober 1899 Herr Fahle in der *) Herr Fahle hatte übrigens schon einmal viel von-sich reden gemacht. Er erließ einige Zeit nach den Wahlen in den' Blättern seines Wahlkreises solgende Erklärung: „Nach wie vor bin ich alL