Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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73 Aus eigener Erfahrung kann der Verfasser bestätigen, daß so ziemlich jedesmal, wenn er einer freisinnigen Versammlung, ganz gleich welcher der beiden Richtungen beiwohnte, in Bezug auf die freie Aussprache, etwas nicht in Ordnung war. Vor der Wahl 1893 wurde in Potsdam in einer Versammlung, in der sich Herr Vollrath als Kandidat vorstellte, erst freie Aussprache zugesagt, nachher dies Versprechen nicht gehalten, sondern nur gestattet, Anfragen zu stellen, weil die Versammlung so „unruhig" gewesen sei. In einer freisinnigen Versammlung in der Zentralhalle Ln Stettin, in der die Herren Brömel und Barth sprachen, wurde, als sich ein Gegner zum Worte meldete, um 10^ Uhr die Versammlung „wegen vorgerückter Zeit" geschlossen. Im Herbst 1896 hielt in Berlin in Feuersteins Saale Rektor (Abg.) Kopsch einen Vortrag gegen den Berlepsch'schen Handwerker-Gesetz-Entwurf. Als der Verfasser einer sachlich unwahren Behauptung des Redners entgegentrat, versuchte Herr Kopsch nicht, ihn in der Diskussion zu widerlegen, sondern versprach — im Schlußwort daraus einzugehen. Das sind die „freisinnigen" Herren, denen nach der „Volks-Ztg." eine recht ergiebige Diskussion erwünscht ist. Der Leser merkt wohl schon, nach welchen „Usancen" hier gearbeitet wird: Hat man die überwiegende Mehrheit zuverlässiger Anhänger im Saale — und das kann man ja leicht an den Nasen sehen — so gewährt man gütigst Diskussion; wittert man aber die „Morgenluft" einer starken Opposition, so zieht man schleunigir den Vorhang zu. Im Mai 1897 fanden im Wahlkreise Uckermünde-Swinemünde eine Reihe antisemitischer Versammlungen statt, was die Freisinnigen als Inhaber dieses Mandats sehr verdroß. Sie machten sich deshalb ans Säle-Abtreiben. In Swinemünde wurde einfach der Wirt, der seine Räume zur Verfügung stellen wollte, mit Boykott bedroht; im Seebad Ahlbeck schüchterten sie den Wirt in der Thal ein, während sie sich in Usedom eine derbe Absage holten. Und in denselben schönen Frühlingstagen ereiferten sich im Reichs- und Landtage die freisinnigen Abgeordneten für freies Vereins- und Versammlungsrecht! Und wie beweglich wissen diese Herren und ihre Zeitungen zu klagen, wenn ihnen selbst in „Puttkamerun" oder sonst wo ein Gleiches geschieht. Freilich den bösen Antisemiten gegenüber ist alles gestattet. Anfang März 1898 erfuhren die Ebers Wal der Freisinnigen, daß im Nachbarkreise Angermünde von den Antisemiten Wahlversammlungen gehalten wurden. Sofort waren sie, an ihrer Spitze Herr Stadtrat Lautenschläger, zur Stelle, und es gelang ihnen auch, in Chorinchen eine Versammlung zu sprengen, während der Versuch in Britz mißglückte. Herr Lautenschläger wird nicht bestreiten, daß Freibier und Freischnaps an diesen Abenden eine erhebliche Rolle gespielt haben. Politik mit doppeltem Boden! Ueberall gewährt oder verspricht man so viel an Volksrechten, als gerade für die eigene Partei vorteilhaft ist. Ein hübsches Pröbchen hiervon nagelte die volksparteiliche „Volkszeitung" in bekannter Liebenswürdigkeit gegen die Schwesterpartei am 9. Juni 98 fest: „In Pablhude bei Heide hielt, wie man uns schreibt, am 7. Juni Herr Pastor Ho eck, Kandidat der Freisinnigen Vereinigung, seine Kandidatenrede. Bei dieser Gelegenheit äußerte er in Bezug auf das Kommunalwahlrecht: das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht kann für die Kommune nicht eingeführt werden, da sonst die Besitzenden Gefahr laufen, von den Nichtbesitzenden beherrscht zu werden. Hierzukönnen wir unsere Hand nicht reichen. Das Verhalten des Kieler Freisinns bezüglich der Beschränkung des Kommunal-