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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Freisinnigen im Wahlkampf. · p. Seite 71

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Freisinnigen im Wahlkampf.
Date
1900-01-01
Page
Seite 71 (sequence 5)
Language
German
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71 Wie üblich gerieten sich die beiden zärtlichen Schwesterparteien nach der Wahl in die Haare und hielten sich gegenseitig ihre Sünden vor. (Vgl. Deutsch-Soz. Blätter, 11. August). Herr Richter erklärte in seinem Unmute, der ganze „Nordost" sei eine Fehlgeburt und all das schöne Geld, welches aus der reichen Kriegskasse der Börsen- und Judenschutztruppe für seine künstliche Aufpäppelung ausgegeben wurde, rein weggeworfen. 2) Herrn Rickerts „Deutsches Reichs-Blatt" entgegnete erbost, die Volksparteiler hätten in ihren „Hauptdomänen" Ostpreußen und Niederschlesien 20 202 bezw. 16 599, zusammen also 36 801 Stimmen gegenüber der 1893er Wahl verloren. Ferner 'führte das „Reichs-Blatt" 16 mitteldeutsche Wahlkreise namentlich auf, in denen die Vereinigung der Volkspartei im Interesse des lieben Friedens das Feld überlassen habe, und zwar mit dem traurigen Erfolg, daß diesmal dort 26 382 freisinnige Stimmen weniger abgegeben wurden als 1893. Die „Freisinnige Ztg." aber hatte die Gegenrechnung bereit, sie hielt der Vereinigung vor, daß sie es diesmal in der Provinz Schleswig-Holstein, die sie seit 1893 zum „Krystallisationspunkt" für alle entschieden liberalen Elemente zu machen versuchte, nur noch auf 18 899 gegen 45 671 Stimmen im Jahre 1893 gebracht habe. Wenn sich die „freisinnigen" Gruppen so offenherzig gegenseitig ihren Bankerott quittieren, ist wohl jedes weitere Wort überflüssig. Recht haben sie ja beide. „Alles verloren, außer der Ehre", soll jener französische König gesagt haben, als er in die Gefangenschaft geraten war, — „alles verloren, auch die Ehre", müßten die. Freisinnigen ausrufen, wenn sie ehrlich wären. In der That, wenn man sieht, mit welchen Mitteln diese Leute — Männer kann man sie kaum noch nennen — suchen, hier und da ein Mandat zu erschnappen, so muß man zu dem Schluß kommen: sie haben das Recht als politische Partei zu existieren, verscherzt. Nirgends mehr ernst durchgeführte Grundsätze, sondern lediglich ein Verhetzen und Verheißen von Fall zu Fall. Mächtig donnerten die freisinnigen Redner gegen die Reaktion, die die Volksrechte antasten wolle, dabei aber finden wir in der freisinnigen „Wahlzeitung für die Westprignitz Nr. 4" folgenden etwas denunziatorisch schmeckenden Artikel: „Alle Pastoren orthodoxer Richtung arbeiten öffentlich und im Stillen eifrig, insbesondere auf dem Lande, für die Konservativen. Kaiser Wilhelm II. aber, zugleich oberster Bischof der evangelischen Landeskirche, telegraphierte seiner Zeit an den Geheimrat Hintzpeter: „Politische Pastoren find ein Unding ... die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinde kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht."?) 0 Nach den preußischen Landtagswahlen sprach sich die „Freisinn. Ztg." noch deutlicher über das Schoßkind Rickerts aus: „Der Bauernverein „Nordoft" hat bei den Landtagswahlen vollständig Fiasko gemacht. Die Agitation unter der Firma des Bauernvereins „Nordost" hatte sich bekanntlich seit dem Bestehen des Vereins fast ausschließlich gerade mit Landtagsangelegenheiten beschäftigt, insbesondere mit den Fragen der Schullasten, der Armenlasten und der ländlichen Selbstverwaltung. Von Militärsrngen oder gar von Kornzöllen war kaum irgendwie die Rede. Auch das Programm des Vereins läßt diese Frage vollständig beiseite und belaßt sich ausschließlich mit Landtagsangelegenheiten. Gerade bei den Landtagswahlen hätten daher aus dem platten Lande im Osten Erfolge des Bauernvereins „Nordost" hervortreten müssen. Aber die Minoritäten in den ostelbischen Provinzen sind auf dem platten Lande nicht größer gewesen als im Jahre 1893 und nirgendwo ist in der Oeffentlichkeit der Bauernverein bei der Vorbereitung der Wahlen organisatorisch oder agitatorisch hervorgetreten. Die Agitation unter der Firma des Vereins entzündet eben nur ein rasch erlöschendes Flugfeuer, schafft aber nirgends zuverlässige Stützen, wie sie namentlich für einen Erfolg bei Landtagswahlen notwendig sind." 2) Eine ähnliche Denunziation hielt die „Freisinnige Zeitung" im September 1899 für angebracht, als bekannt wurde, daß die Polizei die Mitgliederliste des Bundes der Landwirte eingefordert hatte, sie schrieb:

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