Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9038025-9038027-423305--084-185068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 bei der Hauptwahl ihre Stimmen auf Herrn von Mosch vereinigt hatten, auf-- forderten, für den „Kandidaten der bürgerlichen Parteien, Herrn Max Broemel" (freisinnige Vereinigung) zu stimmen. Mit Hilfe dieser ungerufen heranziehenden Bundesgenossen gelang es den Freisinnigen thatsächlich, in den Stichwahlen noch so viele Mandate zu erringen^ daß sie einen kleinen Zuwachs erzielten. In Berlin konnten sie sich sogar rühmen, daß ihnen nach dem Ausdruck der „Norddeutschen Mg. Ztg." „die ehrenvolle Mission" Zugefallen sei, die Sozialdemokratie in zwei Kreisen zurückzudrängen.0 Die „Vereinigung" schnitt trotz alledem mit 12 Sitzen gegen 14 im Jahre 1893 schlecht genug ab, aber die „Volkspartei" gelangte immerhin in 30 Kreisen zum Siege. Von den Stichwahlmandaten verdankt der Freisinn völlig eigener Kraft nur 2, in 8 Kreisen mag er sich dessen allenfalls auch noch rühmen, ohne daß direkt das Gegenteil zn erweisen ist, einen Kreis verdankt er den Polen, 16 den Sozialdemokraten, wober in zwei Fällen Polen bezw. Litauer mit ins Gewicht fielen, 12 Kreise schließlich erlangte er durch Unterstützung von rechts. Ein herrliches Parteigebilde! Ein Anlaß, ein Triumphgeschrei zu erheben, war sicherlich nicht vorhanden, vor allem nicht für die um Rickert. Ueber diese Gruppe bemerkt die „Staatsbürger-^ Zeitung" (10. Juli 98) mit Recht: „Wie schwach muß diese Partei sich selbst vor den Wahlen gefühlt haben, wenn sie den Rückgang um nur zwei Mandate jetzt als einen großen Sieg feiert, obwohl ihr nächst der Sozialdemokratie die reichsten Mittel zur Verfügung standen. Ihr stärkster Bundesgenosse ist das Judentum, das die Freisinnige Vereinigung als seine Leibgarde betrachtet. Sämtliche Rabbiner, sämtliche Judenschutzvereine und jüdischen Vereinigungen, und die gesamte judendienerische Presse vom „Berliner Tagebl." und der „Vossisch. Ztg." an bis zum Judenschutzblatt des Magdeburger Platzes traten für die Männer Rickerts, des Majors der Judenschutztruppe, ein. Außerdem stand hinter der Partei der sogenannte Auch die „Volkspartei" war in manchen Landesteilen geradezu vernichtet. Im Königreich Sachsen wurden 1893 noch 30 203 freisinnige Stimmen abgegeben, 1898r 15 413! Das „Leipziger Tagebl." erklärt (14. Juli 98), der Richtersche Freisinn sei in Sachsen als „abgethan" zu betrachten: „Nachdem ihm noch bei der vorigen Wahl durch die Gunst der Umstände zwei Mandate zu teil geworden waren, geht er jetzt' ganz leer hinsichtlich der Vertretung aus. Und das mit Recht, denn nach der aufdie deutsch-freisinnige Partei in Sachsen entfallenen Gesamtstimmenzahl haben siekein Mandat zu beanspruchen." Das Blatt stellt dann weiter fest, daß in allen sächsischen Kreisen mit Ausnahme des 11. (Oschatz-Wurzen) die freisinnigen Stimmen zurückgegangen sind, und spricht die Vermutungaus, daß im 8. (Pirna) und 14. Wahlkreis (Borna-Pegau) die früheren Freisinnigen im ersten Wahlgange zu den Antisemiten übergegangen seien. Armer Eugenl „Verein zur Abwehr agrarischer Uebergriffe", eine Gruppe von Börsenspekulanten, die nur den einen Zweck verfolgt,, der Börse Ausbeutungsfreiheit zu sichern. Mit den reichen Geldmitteln der Börsenspekulanten hatte die Freisinnige Vereinigung den Bauernverein „Nordost" gegründet, um mit seiner Hilfe die ländlichen Wahlkreise für die Zwecke des Jobbertums einzufangen. In Anbetracht dieser überaus reichen Kampfmittel ist der Erfolg der Partei ein wahrhaft kläglicher. Wie großerst wäre der Verlust der Rickertschen gewesen ohne die lvon. den Offiziösen, wie oben beleuchtet, ausgegebene. D. Verf.) verkehrte Stichwahl-- parole!" 9 Die Freude währte allerdings nicht lange. Die Sozialdemokraten legten im 2. Berliner Wahlkreise mit Erfolg Protest ein und am 11. April 1899 unterlag der wieder aufgestellte freisinnige Landtags-^ Abgeordnete und Stadtverordnete Rentier Robert Kreitling, dem. sozialdemokratischen Schriftsetzerr Richard Fischer.