Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Freisinnigen im Wahlkampf.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9038025-9038027-423305--083-185067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
69 er den Ehrenschild der Partei nicht rein halte, weit von sich abweisen dürfen, und er findet sich dann in guter Gesellschaft. Keine geringere als die „Kreuz- Zeitung" war es nämlich, die zu den Stichwahlen im Jahre 1893 wörtlich schrieb: „Den Ordnungsparteien kann es unter den jetzigen Verhältnissen ziemlich gleichgiltig sein, ob ein Sozialdemokrat oder ein Richterscher Volksparteiler mehr in den Reichstag gelangt. Sie werden daher nicht geneigt sein, die freisinnige So schrieb die „Kreuz-Ztg." 1893. Volkspartei bei den Stichwahlen gegen sozialdemokratische Kandidaten zu unterstützen, wenn Richter nicht die bindende Erklärung abgiebt, daß seine politischen Freunde Reciprocität üben werden. Die Konservativen möchten wir wenigstens hiermit ausdrücklich aufgefordert haben, überall in Stichwahlen zwischen Volksparteilern und Sozialdemokraten sich der Wahl zu enthalten, wenn eine solche Erklärung nicht offiziell und in bündiger Form abgegeben wird"." Damals freilich war auch von „oben" her nicht die Weisung erteilt worden, für die Bruderpartei der Sozialdemokratie einzutreten. Und die Freisinnigen waren so sicher, daß die Herren der Rechten Ordre parieren würden, daß es ihnen gar nicht einfiel (außer, wo es vielleicht gerade der örtliche Vorteil mit sich brachte), irgend etwas zu erklären oder zu versprechen, was bei den „Genossen" Anstoß erregen konnte. Im Gegenteil, sie verhöhnten die aufdringlichen Bundesgenossen noch obenein wegen ihrer Lakaienhaftigkeit. So spottete die „Volks-Zeitung": „Wir haben natürlich nichts dagegen, wenn auf Grund dieses Wahlbriefes konservative, nationalliberale und andere ordnungstreue Wähler in der Stichwahl iür freisinnige Kandidaten stimmen wollen. Es würde uns sogar der Kuriosität wegen amüsieren, wenn jetzt selbst Landräte sich für die Wahl freisinniger Kandidaten interessierten. Aber daß umgekehrt freisinnige Wähler für reaktionäre Kandidaten eintreten könnten, das wollen wir nicht hoffen, trotz der „Kieler Zeitung", die bereits für den Bund der Landwirte und den Antisemitismus eintritt. Der Freisinn muß unter allen Umständen dafür sorgen, daß die Reaktion an die Wand gedrückt wird." Aehnlich andere freisinnige Blätter. Die „Vossische Ztg." redete zwar von der Verpflichtung reichstreuer Wähler, jetzt für den Freisinn einzutreten, stellte aber gleich fest, man habe um die Hilfe nicht gebeten, sei also zu Gegendiensten nicht -verpflichtet, vielmehr „müsse sich das Bürgertum rührig genug zeigen, um auch ohne konservative Unterstützung den freisinnigen Kandidaten zum Siege in der Stichwahl zu verhelfen". Das „Berliner Tagebl." erklärte: Darum gilt nach wie vor die Kampfparole des Liberalismus, namentlich in Preußen: Gegen Junker und Agrarier und zugleich gegen kirchliche Unduldsamkeit! Eugen Richters Parteiorgan, die „Freisinnige Ztg.", gab folgenden Wink: „Die „rechte" Seite hat bei den Hauptwahlen Gewinne zu verzeichnen, und andere Gewinne stehen bei den Stichwahlen in Frage. Nichts wäre daher verkehrter als statt des Kampfes auf zwei Fronten einzig und allein die Bekämpfung der Sozialdemokratie in Betracht zu ziehen." — Das hieß doch nichts anderes als man wolle die Stimmen der rechtsstehenden Parteien zwar gern einstecken, aber eine Gegenleistung an diese dürfe nicht gewährt werden. Bei der unglaublichen Würdelosigkeit der „Staatserhaltenden" konnte sich Herr Richter eben ein einträgliches Doppelspiel gestatten: wo seine Partei mit den Sozialdemokraten im Kampfe lag, rief er denen auf der Rechten zu: Es ist Eure Pflicht, uns im Kampfe gegen die internationale Sozialdemokratie zu unterstützen: wo aber die Volkspartei mit Konservativen oder Antisemiten in Stichwahl stand, hieß die Losung an die „Genossen": Auf zum Kampf gegen die Reaktionäre und Brotverteurer! In Stettin erließen die Vertreter der „Antisemitischen Volkspartei", -unterzeichnet G. Ladewig, Tischlermeister, einen Aufruf, in dem sie alle Wähler, die