Mannheim
Compact Memory

Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Freisinnigen im Wahlkampf. · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Freisinnigen im Wahlkampf.
Date
1900-01-01
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9038025-9038027-423305--082-185066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 Die einzige Hoffnung, die dem Freisinn blieb, war demnach die, daß ihn die „Genossen" in zahlreichen Kreisen bei den Stichwahlen als das kleinere Uebel unterstützen würden, zumal man, wie wir sehen werden, alles gethan hatte und that, was den Sozialdemokraten die sreisinnigen Kandidaten recht annehmbar machen konnte. Da kam den verkrachten freisinnigen Parteien Hilfe von einer Seite, auf die sie gewiß keinen Anlaß hatten zu rechnen. Kaum hatten die „Sammlungs"-Politiker am Abend des 16. Juni gesehen, daß ihr herrisches Liebeswerben um die Wählerschaft vergeblich gewesen war, als sie die alte Angstmeierei vor dem Anwachsen der Sozialdemokratie wieder mit aller Macht ergriff. Und all die Blätter, aus denen man gewohnt ist, den Willen der Regierenden zu erraten, gaben eiligst die Stichwahlparole aus': Zusammengehen aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie! Aber nicht nur die „Berliner Korrespondenz", „Norddeutsche Allgem. Ztg.", „Berliner Politischen Nachr.", „Hamburger Nachrichten" usw. stimmten in diesen Ruf ein, der im wesentlichen darauf hinauslief, die wahre Lage durch Scheinerfolge zu vertuschen und dem Freisinn noch einmal auf die Beine zu helfen; auch die konservativ-bündlerischen Organe hatten schnell vergessen, daß dieser Freisinn soeben noch überall die Losung ausgegeben hatte: Gegen Junker und Zünftler!.' Die „Korrespondenz des Bundes der Landwirte" sprach die Erwartung aus, „daß auch unsere Freunde überall da, wo es sich um den Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und irgend einer anderen Partei handelt, nachdrücklich gegen die Sozialdemokratie Stellung nehmen werden. Mag es auch manchem (nicht allen? d. Verf.) unserer Freunde außerordentlich schwer fallen,, für den Freisinn einzutreten, der die nationale Wirtschaftspolitik in einer ebenso scharfen Weise bekämpft wie die Sozialdemokratie, so wird doch bei allen politischen Gegensätzen schließlich die Sache der Ordnung als das zu allererst in Frage kommende politische Moment hochgehalten werden müssen." Die „Konservative Korrespondenz" half sich über das Widersinnige dieser Politik der Rückgratlosigkeit hinweg, indem sie sich wie üblich in btt Pose der Vaterlandsretter brüstete: „Es muß bei den Stichwahlen jede konservative Stimme aufgeboten werden, um darzuthun, daß die konservative Partei gewillt sei, die Sozialdemokratie mit allen Mitteln der Selbsthilfe, auch unter der größten Selbstverleugnung, zu bekämpfen. Wir treten jetzt nicht für eine oder die andere Partei ein, sondern für das Vaterland, für das Gemeinwohl, für die Monarchie! Am 24. Juni werden sich die Geister scheiden; für oder wider die Sozialdemokratie wird die Lojung sein. Wer für die Sozialdemokratie — sei es auch indirekt durch Stimmenthaltung — eintritt, der stellt sich selbst an den Pranger." Treffend entgegnete hierauf die „Staatsb.-Ztg." (22. Juni 98): „Die Scheidung der Geister wird nicht erst am 24. d. M. erfolgen, sie i st bereits erfolgt. Der Freisinn unterstützt überall -die Sozialdemokratie und erweist sich damit als deren Bundesgenosse. Wer die Sozialdemokratie bekämpft, muß auch den Freisinn bekämpfen, eine Unterstützung des letzteren ist auch eine Förderung der Sozialdemokratie, die insofern recht verhängnisvoll werden könnte, weil sie geeignet ist, die sozialdemokratische Gefahr zu verschleiern, die Parole müßte lauten: Gegen dir Sozialdemokratie und ihre Bundesgenossen, nämlich die süddeutsche Volkspartei und die freisinnige Volkspartei, weil diese Parteien genau so antimonarchisch, genau so antinational sind wie die Sozialdemokratie! Daß ein. nationaler Wähler, Antisemit oder Konservativer einem Sozialdemokraten seine Stimme nicht geben darf und nicht geben wird, ist selbstverständlich. Wer aber im Bruderkampf zwischen Sozialdemokraten und Freisinnigen es beiden Teilen überläßt, aus eigener Kraft um das Mandat zu ringen, wird den Vorwurf, als ob-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.