Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 238)
- Language
- German
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der Fremde, doch sterben in der Heimat, da nirgends der Tod so lieb und gut sei, wie auf der Toteninsel." So lebten die Inselbewohner ihre Jahre durch: in Elend und Armut fristeten sie ihr Leben und begraben wurden sie» mit größtem Gepränge. * * * Einmal blies in einer entsetzlichen finsteren Nacht vom Meere her ein schrecklicher Sturmwind. Die Altesten der Alten konnten sich an einen ähnlichen nicht erinnern. Er riß die Dächer herunter, er brach die kleinen Häuschen zusammen, er entwurzelte die jungen Bäumlein, und die Bretter der Scheunen, in denen die Fische vom ganzen Jahr trockneten, trug er weit fort. Auch die Grabsteine, die fester standen als die hölzernen Häuschen und die zartjungen Bäumlein, auch die litten vom Sturme, Tausende lagen gebrochen und zerworfen auf dem Friedhofe. Es war ein Jammer zu schauen auf die teuren Gräber. Als der Sturm sich verzog, ging das ganze Inselvolk auf den Friedhof hinaus. Denn, wenn die Grabstätten nicht in Ordnung sind, kann nichts Gutes auf der Insel sein. Und jeder, der noch gesunde Hände und Füße hatte, ging dorthin, der eine mit einem Spaten, der andere mit einer Axt, denn auch die Umzäunung aus Eichenholz lag umgeworfen. Unter ihnen war auch der Alteste der Inselleute, ein schneeweißer Greis, der des speziellen Gebetes sich noch entsann, für den Fall, wenn ein Unglück die alten Grabsteine zerbrechen und zertrümmern sollte. Mit zitternden Händen verrichteten sie die traurige Arbeit, Tränen standen ihnen in den Augen, und mit Pietät sammelten sie flink den heiligen Staub der eingefallenen Grabhügel ein. Alle waren fleißig an der Arbeit. Da kam plötzlich ein kleiner Junge gelaufen, er atmete kaum. Seine Augen brannten wie im Fieber: „Am Meeresufer... da sitzt ein... ein fremder Mann . . . Sein Gesicht leuchtet. . . wie die Sonne . . . Eine Flut brachte ihn. ' Er trocknet seine . . . nassen Kleider an der Sonne . . ." Sie hörten die Kunde. Frauen erschraken, sie drückten ihre Hände ans Herz. Ihre blassen Lippen flüsterten: „Der Erlöser... der Erlöser! . .Die Herzen der Männer schlugen stark, sie bissen die Zähne zusammen und sprachen kein Wort. Unterdessen sagte der Greis mit schaurig singender Stimme sein Gebet und alle horchten still. Und als er mit alter, zitternder, weinerlicher Stimme das Gebet hersagte, welches um Verzeihung bat die zertrümmerten Grabsteine, die zerworfenen Gräber, die elenden, verbannten Seelen, erschien auf einmal der Fremde, den eine Welle an die armselige Insel heranspülte. Die Weinenden und Betenden erzitterten. Es war ein wundervoll göttlicher Augenblick. Niemand zweifelte, daß er es sei, den sie Hunderte von Jahren erwarteten. Wie versteinert standen die Inselbewohner und konnten sich nicht sattschauen am Fremden, 210