Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 237)
- Language
- German
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man die Augen der Toten bedeckt. Ein jedes Mädchen verstand vollendet „die ewigen Kleider" zu nähen, bevor sie noch kochen erlernte. Das erste Spielzeugeines jeden Buben war ein Spaten, womit man Gräber gräbt. Und wenn ein Junge „Bar-Mizwah" wurde, da schenkte ihm sein Vater eine Uhr samt Kette, der ein kleiner Grabstein nachhing. Wenn eine Braut ihrem Bräutigam ein Geschenk nähte, stickte sie darauf: „El mole rachmim". Und kleine Kinder, die zusammen spielten, gruben kleine Gräber und sangen das alte Lied: Die Mutter hatte ein Söhnelein, Man nannte es Klein-Moselein; Da grub man in den Sand hinein Für ihn ein kleines Gräbelein . . . In jeder Familie war zu Hause ein Vorrat von Federn, welche man einem Sterbenden unter die Nase hält. Die Wasserbehälter wurden nie vollgefüllt, weil man sie sowieso bald ausschütten müßte. Und ein jeder war stolz auf den Besitz dreier Strohhalme, die man ihm ins Grab mitgeben werde. Von der ersten Kindheit an lernte man auswendig die Trauergebete. In vielen Häusern war das Gebet für die Toten in großen Lettern an der östlichen Wand angebracht. Ein jedes Kind sprach schon auswendig den Kadisch, bevor es noch das Morgengebet erlernte. Ward ein kleines Kind geboren mit einem schönen Stimmchen, so trug man es ein in den Verein „der Klagenden und Weinenden". Schauerlich war es zuzuschauen, als die Kinder abends am Meeresufer zusammenkamen, wie sie wie verzweifelt in ihre Händchen patschten, mit ihren süßen, zarten Stimmchen jammerten und mit rotflammenden Gesichtchen die Vorzüge ihres Gespielen aufzählten, welcher sich zum Schein in ein Grab legte. Wollte eine Mutter ihr Kind loben, so sagte sie, ihr Sohn werde ein großer Gelehrte sein: er würde, auch aus dem Schlafe geweckt, sofort eine Trauerrede halten. Die Bräute schickten ihren Verlobten mit den Tallisbeuteln ein Säckchen Palästinaerde. Und nach der Hochzeit schnitten sie sich ihre schönen, langen Haare ab und bestatteten sie mit großem Gepränge auf einem besonderen Friedhof, der den Namen führte: „Die Grabstätte für Schönheit und Jugend". Einem jeden, der starb, gab die ganze Stadt das letzte Geleite. Ein jeder wußte, nach seinem Tode werde man es ihm vergelten. Groß und klein waren zerstreut auf dem Friedhofe: Kinder spielten dortselbst den ganzen Tag, Erwachsene brachten die Sommerabende dort zu. In den stillen, milden Vorabenden wandelten sie gruppenweise zwischen den Gräbern der Nahen und Bekannten umher. Der Stolz einer Familie wurde nach der Zahl der Toten gemessen. Die Grabsteine wurden in gutem Stein gehauen; eingekritzelte, vergoldete Lettern erzählten von den Taten des Häufleins Asche, das unter dem Grabstein ruht. Es war Brauch im Volke, bei Grabsteinen nicht zu geizen. Mancher Grabstein war wertvoller als das Häuslein, in welchem der überlebende Witwer oder die überlebende Witwe wohnte. Wenn jemand von den Inselbewohnern in die Ferne ging, so trachtete er auf die alten Jahre in die Heimat zurückzukehren, denn ein Sprichwort galt: „Leben solle man in 209