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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 211

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 211 (sequence 239)
Language
German
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IRI
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der sie mit einem freundlichen Blick betrachtete. Mit einem festen, sicheren Schritt kam er immer näher, immer näher. Die Spaten und Äxte glitten aus ihren Händen. Eine höhere Kraft zog das Volk zum wunderbaren, fremden Mann. Und alle stürzten hin, den seltenen Gast zu empfangen. Zum ersten Male empfanden die Inselbewohner, daß das Leben so nahe ist und der Tod so fern, so fern . . . Keine Viertelstunde verging- und sie waren mit dem teuren Gast schon in der Stadt. Die Gesichter strahlten voll Trotz und Freude. * * * Doch bald geschah etwas, woran die Inselbewohner ohne Tränen in den Augen nicht denken können. Der erste Redner, welcher auf die Tribüne stieg, um den teuren Gast zu begrüßen, war noch nie so von Freude erregt. Er mühte sich, auf daß seine Stimme vor Freude zittere. Ein Seufzer entrang sich seiner Brust, und seine Rede war die beste Trauerrede, die er in seinem Leben gehalten hatte. Der Chor sang mit schönen traurigen Stimmen das „Zidduk Haddin". Der Kantor wollte dem Gast einen Freudengruß darbringen, doch aus seinem Munde klang das „El mole rachmim". Die Frauen jammerten, wie bei Maskir. Die Inselbewohner wollten ihrem Antlitz einen fröhlichen Ausdruck geben, es gelang ihnen nicht. Auf ihren Gesichtern lag die Ergebung des „Baruch dajan emeth". Der Erlöser stand oben vertieft in Gedanken. Sein Haupt lag schwer auf seiner Brust. Er verstand den Gegensatz, der in ihrem Innern rang: den Gegensatz zwischen ihren Gefühlen und der Art, wie sie zum Ausdruck kamen. Und ein tiefer Schmerz durchzuckte sein Herz. Am Abend kamen die Altesten der Insel zusammen zu einer ernsten Beratung. Man schlug die alten Bücher auf, in denen die Prophezeiung niedergeschrieben war. Sie dachten nach, wie der teure Gast zu empfangen sei. Sie grübelten und grübelten in den vermoderten Blättern, und immer schwerer lastete es auf ihren Herzen. Denn arm war ihr Leben, nur den Tod verstanden sie gut. Still und wehmütig wurden die Greise, Resignation sprach aus ihrem Antlitz. Und die Stille durchbrach der Alteste der Alten. Er schluchzte laut auf und rief: „Herr der Welt! Warum hast Du uns diesen Lebenden geschickt? Uns Gräbern — einen Lebenden, einen Lebenden? . . Ein Schrecken fuhr in alle Glieder. Und zitternd hallten die Worte und blieben hangen irgendwo in der Luft. . . 211

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