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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 208 (sequence 236)
Language
German
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IRI
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Die Toteninsel. Ein Märchen. Von Dr. J. ELIASCHOFF. Aus dem Jüdischen übersetzt von MOSES STÖCKEL. Dem Andenken Theodor Herzl's. rgendwo auf einer der zerstreuten Meeresinseln lebte ein armes Fischervolk. Die Beute ihres Netzes war ihre Nahrung; nur selten ringelte sich in der Luft der Dampf von gebratenem Fleische. Elend sahen die Fischer aus, die jungen wie die alten; klein gewachsen, ohne Muskel, ohne Kraft. Vor vielen Jahrhunderten erschien bei ihnen ein Prophet mit wildem Blick in den brennenden Augen, mit langem, zerrauftem Haar und schmutzigrotem, struppigem Bart. Halbnackt ging er auf der Insel herum. Am Meeresstrande, wo die Fischer gewöhnlich sich sammelten, erbaute er sich ein armseliges Zelt. Dort sprach er zu ihnen. Und seine Prophezeiungen schloß er immer mit den Schreck erregenden Worten: „Und das Inselvolk wird ausgerottet werden. Zugleich mit jeder Hochzeit werden sieben Leichenzüge sein. Die Zahl der Sterbenden wird größer sein, denn der, die zu leben beginnen." Das Volk hörte die entsetzlichen Worte und weinte laut. Sein König legte einen Sack an und trauerte mit dem Volke. Der Prophet konnte nicht länger mitansehen des Volkes Schmerz und sprach zu Gott: „Herr, gibt es denn keine Buße, auf daß das Urteil gebrochen werde? Vermag das Volk durch Gebete Deinen heiligen Entschluß nicht zu ändern?" Und vom Himmel tönte ihm zur Antwort: „Es wird eine Zeit kommen und die Königin wird einen Sohn gebären. Den Sohn sollet ihr in ein fremdes Land führen. Ein Geschlecht wird aus ihm stammen, das sein Geburtsland und seinen Fluch nicht kennen wird. Und der Tag wird kommen, an dem die Meereswellen einen von diesem Stamme an die Ufer eurer Insel heranspülen werden. Werdet ihr ihn erkennen und herzlich empfangen — dann wird der Fluch seine Kraft verlieren." Seit dieser Zeit lebten im Volke zwei Gedanken. Der eine — es laste über der Insel Gottes Fluch; der andere — es sei vielleicht noch eine Rettung möglich. In ihren Herzen glimmte eine schwache Hoffnung, daß einst, einst ihr Erlöser erscheinen und den schrecklichen Fluch von ihnen nehmen wird. Und als der Tod täglich dreimal zu Gaste kam und die Hoffnung auf Erlösung allgemach schwand, bereitete sich das Volk auf den Empfang des Todesengels vor. Für ein Kind, welches geboren werden sollte, wurden zuerst Laken verfertigt und nachher erst Windeln. In jedem Hause hielt man einen Vorrat von Scherben, mit denen 208

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