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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 204

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 204 (sequence 232)
Language
German
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IRI
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jüdischen Gemeinwesens, indem er die Dichte der Bevölkerung- und die Intensität der Landwirtschaft vermindert. Der Zionismus, wie jeder aufrichtige Nationalismus, muß eben demokratisch nach innen sein. Denn er kann, ohne die Interessen der arbeitenden Schichten des Volkes wahrzunehmen, nicht verwirklicht werden. Die Häuslerförderung ist also vorläufig Gegenstand ernstlicher Erwägungen nicht geworden. Umsoweniger war dies in dem Poale-Zion-Verband der Fall. Wir betrachteten es nicht als die Aufgabe einer sozialistischen Partei, für die Heranzüchtung bäuerlicher Halbproletarier, die den Großgrundbesitz sichern, ja bedingen und ermöglichen, einzutreten. Wir brachten die genossenschaftliche Kolonisationsmethode als Ausweg aus der Krise in Vorschlag. Ohne uns an ein bestimmtes System zu binden, dachten wir in erster Linie an Franz Oppenheimers siedlungsgenossenschaftlichen Plan, als den einzigen vorliegenden und greifbaren. Es ist nicht unsere Absicht, hier die Grundzüge der Oppenheimerischen landwirtschaftlichen Arbeiterproduktivgenossenschaft zu erörtern. Siesoll eine Gemeinschaft von Landarbeitern sein, die ein modernes Großgut genossenschaftlich besitzen und bewirtschaften. Alle Vorteile des landwirtschaftlichen Großbetriebes sollen mit der Intensität und Sorgfalt des Kleinbetriebes vereinigt werden. Um die genossenschaftlich betriebene Zentralwirtschaft werden zu diesem Zweck an der Peripherie zunächst für die verheirateten Mitglieder kleine Einzelwirtschaften errichtet, die ihnen von der Genossenschaft in Pacht überlassen werden. Zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse treten die Landarbeiter zu kooperativen Organisationen aller Art zusammen. Sie sind als Konsumenten und als Verkäufer ihrer Erzeugnisse in Genossenschaften vereinigt. Durch den Beitritt von Handwerkern wächst die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft allmählich zur Siedlungsgenossenschaft heran. Der englische Genossenschafter S. C. Graey kennzeichnete folgendermaßen die Grundlagen der ländlichen Kooperation: „Der Boden sollte genossenschaftliches Eigentum sein, genossenschaftlich die Beschaffung allen Bedarfs und genossenschaftlich der Verkauf aller Produkte. Aber in der Bodenwirkung muß für ein individuelles Interesse gesorgt sein, mit gebührender Vorsorge gegen Übergriffe wider das Interesse der Gemeinschaft." Schon Eduard Bernstein, der Graey in den „Voraussetzungen des Sozialismus" zitiert, betont, daß diese Grundsätze in den Vorschlägen Oppenheimers durchaus berücksichtigt sind. Die genossenschaftliche Kolonie ist eine höhere Produktionsform, die über den landwirtschaftlichen Großbetrieb hinausstrebt zum sozialisierten. Wir erblicken in dieser Siedlungsmethode das Mittel, um das Problem der Erziehung zur Landwirtschaft und der Kreditfähigkeit Besitzloser zu lösen. Denn jede Produktivgenossenschaft ist zunächst eine Musterfarm, ein landwirtschaftlicher Lehrbetrieb. Doch ihre Bedeutung ist umfassender. Glücken nämlich die ersten Versuche, ist die Genossenschaft imstande, das ihr gewährte Darlehen zurückzuzahlen und zu verzinsen, so ist auch die Kreditfrage gelöst. Es wird eine Vereinigung von Arbeitern unter fachmännischer Leitung immer in der Lage sein, das zur Bewirtschaftung eines Gutes nötige Betriebskapital auf dem Geldmarkte zu erhalten. Das 204

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