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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 203 (sequence 231)
Language
German
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IRI
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Nehmen wir das kaum denkbare an, daß Lohnsteigerungen oder das Eingreifen von Gewerkschaften es dem Landarbeiter ermöglichen, die saisonlose Zeit zu überdauern. Ausgeschlossen ist es aber, daß der jüdische Landarbeiter mit seinem kargen Lohn eine Familie erhalten kann. Lohnarbeit in den Kolonien ist somit für den jüdischen Einwanderer gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die Begründung eines Haushaltes. Dazu gesellt sich die psychologische Wandlung, die die früheren Verächter des Besitzes durchgemacht haben. Auch der marxistischeste und revolutionärste jüdische Landarbeiter empfindet es nach einigen Jahren schwerer, anstrengender Mühe als unerträglich, sein Leben lang Lohnsklave auf fremdem Boden zu bleiben. Die Landflucht, die die Leutenot in Gegenden hervorruft, wo es seit Jahrhunderten Großgrundbesitzer und halbproletarische Häusler gibt, sollte städtische Proletarier verschonen, die den Übergang zur Landwirtschaft erst vollziehen müßten! Es wurde nach vierjähriger Erfahrung klar, daß sich die jüdischen Arbeiter an die palästinensische Landwirtschaft nicht anpassen können. Hunderte verließen die Kolonien, oft auch das Land. Wir standen vor einem mit den bisher angewendeten Siedlungsmethoden unlösbaren Dilemma. Die besitzlosen Einwanderer können keine landwirtschaftlichen Lohnarbeiter bleiben. Sie können noch weniger Einzelbesitzer werden. Nur zwei Wege der Lösung können in Erwägung gezogen werden. Der eine wäre — die Schaffung von Häuslern, die Verwandlung der Arbeiter in halbproletarische Zwergbauern, die, im Umkreis der Kolonien und Güter angesiedelt, ökonomisch an diese gefesselt werden und ihnen die nötigen Arbeitskräfte liefern. Oder aber es muß eine neue höhere Produktionsform gefunden werden, um die Landarbeiterfrage und das Problem der Seßhaftmachung städtischer Proletarier zu lösen. Es braucht nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden, daß das Häuslersystem * zahlreiche Freunde und Fürsprecher in zionistischen Kreisen besitzt. Es gibt auch palästinensische Arbeiter, die den Segen dieses Kolonisationsverfahrens herbeiwünschen. Es ist durchaus möglich, daß in der Zukunft neben der Agrarbank und der Parzellierungsgesellschaft eine dritte Institution zur Förderung des Häuslerwesens und zu derartiger „Seßhaftmachung" jüdischer Proletarier von der zionistischen Organisation gegründet wird. Vorläufig ist dieser Plan nicht spruchreif. Er setzt ein planmäßiges Entstehen jüdischer Kolonien voraus, in deren Nachbarschaft die Arbeiterdörfer angelegt werden müßten. Solange diese stetig fortschreitende, großangelegte Kolonisation von Besitzenden nicht vor sich geht, kann auch die Häusleransiedlung systematisch nicht in Angriff genommen werden. Ferner müßte die betreffende Gesellschaft den anzusiedelnden Zwergbauern vorher die nötige Qualifikation beibringen, der sie als Landarbeiter und zur Bewirtschaftung ihrer eigenen Parzellen bedürfen, was die Kosten der Aktion ungemein erhöhen würde. Schließlich kann die zionistische Organisation für die Häuslerzüchtung nicht eintreten, da sie die Existenz eines mittleren und Großgrundbesitzes voraussetzt. Der Zionismus kann aber die Bildung jüdischer Latifundien nicht begünstigen, ohne in Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Denn der Großgrundbesitz gefährdet die nationalen Interessen des aufstrebenden 14* 203

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