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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 201 (sequence 229)
Language
German
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IRI
…/1112869-9311769--562-1113101
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Lohnarbeitern ihre Gärten und Äcker bestellen*. In den jüdischen Kolonien arbeiten zur Saisonzeit 6000 bis 8000 fellachische Taglöhner. Es sind arabische Bauern aus der Nachbarschaft. Sie besitzen Haus und Hof, sind trotz des unerträglichen Steuerdrucks und der Herrschaft der Großgrundbesitzer bodenständig. Allein sie kennen die modernen Bewirtschaftungsmethoden nicht, sie pflügen und düngen nicht, halten an primitiven Überlieferungen fest, sind kultur- und äußerst bedürfnislos. Sie arbeiten gern um niedrigen Lohn in den jüdischen Nachbarkolonien. Die vorhandenen Arbeitskräfte reichen nicht einmal aus, es herrscht in den Kolonien mitunter Arbeitermangel. Das Ziel der zionistischen Kolonisation ist die Schaffung geschlossener, jüdischer Siedlungen, die Beseitigung der schmerzlichen Erscheinung nationaler Bodenlosigkeit und Entwurzelung. Indes zauberte das auf Sicherung des jüdischen Besitzes gerichtete Kolonisationssystem eine Klasse jüdischer Bodeneigentümer hervor, der die nahezu dreifache Anzahl fellachischer Arbeiter und Arbeiterpächter (Charaten, in Galiläa) gegenübersteht. Das Ergebnis ist vom nationalen Standpunkt kläglich und verhängnisvoll. Das Entstehen jüdischer Kolonien bedeutete bis nun keine vermehrte Arbeitsgelegenheit für jüdische Proletarier. Das Ziel einer vernünftigen nationalen Kolonisation — die denkbar dichteste jüdische Bevölkerung ins Land zu bringen — wurde nicht einmal erstrebt. Die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung in den jüdischen Kolonien ist nichtjüdisch. Dagegen wurde ein Gegensatz zwischen jüdischem Besitz und fellachischer Arbeit künstlich erzeugt, also ein Klassengegensatz, vertieft durch nationale Unterschiede. Es ist bezeichnend für den Weitblick philantropischer un4 bürgerlicher Kolonisatoren, daß sie, vom Wahn beherrscht, den Besitz als Grundlage wirtschaftlicher Vorherrschaft im Lande zu sichern, die von ihnen selbst genährte Gefahr nicht einmal erkannt haben. Fünfzehn Jahre hindurch wurde an der philantropischen Kolonisation Kritik geübt, ohne daß man auf die sozialen und nationalen Verhältnisse in den jüdischen Siedlungen aufmerksam wurde. Erst die Arbeitereinwanderung, die im Jahre 1905 einsetzte, warf ein grelles Xicht auf diese Zustände, und die Wohlmeinenden und Nachträglich-Klugen eröffneten eine Diskussion über die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Heranziehung jüdischer Arbeitskräfte. Sie predigten nach zwei Richtungen. Den Arbeitern wurde, angesichts der Billigkeit der Fellachen, weise Einschränkung und Mäßigung in ihren Ansprüchen an's Herz gelegt. Die Kolonisten suchte man vom Standpunkte der gefährdeten nationalen Interessen zu überzeugen, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, die obendrein als Konsumenten ihren Lohn in der Kolonie zurücklassen. Trotzdem dachten die Kolonisten nur selten daran, die jüdischen Arbeiter vorzuziehen. Für den Fellachen ist die Arbeit in dem benachbarten jüdischen * Eine Kolonistenfamilie besitzt durchschnittKch ein 20 Hektar großes Grundstück, wobei ein Hektar unbebauten Landes (nach Trietsch) den Wert von 200 bis 400 Francs hat. In Petach-Tikwah kostet ein Hektar Pflanzungsboden über 4000 Francs, was die hohe Intensität der jüdischen Gartenkultur kennzeichnet. 14 201

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