Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 228)
- Language
- German
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des Landerwerbes sind die nächsten, teilweise bereits in Angriff genommenen zionistischen Maßregeln. Immigranten, die ein kleines oder mittleres Vermögen besitzen und Kolonisten werden wollen, soll eine Bodenkreditanstalt, die langfristige Darlehen gewährt, zur Verfügung gestellt werden. Sobald die Reform des türkisdien Rechtswesens die Aufnahme von Hypotheken gestatten wird, soll die Agrarbank ins Leben treten. Eine Terraingesellschaft, die Grundstücke erwirbt, bewirtschaftungsfähig macht und parzelliert, soll die zweite Aufgabe erfüllen. Eine derartige Landentwicklungsgesellschaft (Palestine Land Developement Company) besteht schon. Mit Hilfe dieser Institutionen wird die zionistische Organisation den Bodenerwerb in Palästina und das Entstehen jüdischer Farmer und Gutsbesitzer gewiß bedeutend fördern. Das technische Kolonisationsproblem ist seiner Lösung nahe. Es ist klar, daß diese in Aussicht genommenen Maßnahmen zur Sicherung der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen nur für die besitzenden Einwanderer wirksam sein können. Für die besitzlosen Immigranten sind die angeführten Kolonisationsgesellschaften nahezu wertlos. Der besitzlose Auswanderer ist weder gelernter Landwirt noch kreditfähig. Auch wenn ihm der jüdische Nationalfonds — dessen Zweck es ist, Boden als unantastbares Gemeineigentum des jüdischen Volkes zu erwerben — Grundstücke sogar unentgeltlich in Pacht überläßt, kann er das Land nicht bebauen. Er besitzt kein Inventar, kein Betriebskapital und keinen Kredit. Der einwandernde Proletarier kann somit selbstwirtschaftender Bauer nicht werden. Noch vor drei bis vier Jahren wurde die Frage der Seßhaftmachung besitzloser Einwanderer recht einfach gelöst. Die Blütezeit der Siedlungsphilantropie war endlich vorbei. Die schöne Zeit, als jeder Besitzlose zu Besitz gelangen, sich hinaufschnorren konnte, war glücklich überwunden. Diese Methode der Lösung der sozialen Frage hat sich sogar für Rothschild als zu kostspielig erwiesen. Sie wurde sistiert. Den proletarischen Immigranten stand nun ein Weg offen: sie sollten landwirtschaftliche Lohnarbeiter werden. Die neue Einwanderung der Jahre 1905—1908 brachte übrigens ein ganz anders geartetes Menschenmaterial ins Land — sozialistisch-denkende Arbeiter, zumeist Mitglieder der Poale-Zionpaftei, die Landarbeiter bleiben wollten. Sie verschmähten jeden Besitz. Nach vier Jahren aber stand die jüdische Landwirtschaft Palästinas vor einer neuen schweren Krise. Die soziale Seite des Agrarproblems wurde sichtbar. Von 1500 bis 2000 jüdischen Arbeitern, die nach Palästina in den letzten Jahren einwanderten, um Landarbeiter zu werden, sind kaum 500 zurückgeblieben. Nicht weil sie für den Ackerbau etwa untauglich wären. Die Landarbeiterfrage wurzelt tiefer. Sie läßt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Eine komplizierte Verschlingung mehrfacher Hindernisse machte sie zu einem kaum lösbaren Knoten. Die philantropische Kolonisationsmethode, deren Schäden wir bereits genügend gekennzeichnet haben, war ergebnislos auch in nationaler Richtung. Es wurde in Palästina keine Klasse jüdischer Bauern geschaffen, die ihren Boden selbst bebauen. Die jüdischen Kolonisten sind in ihrer Mehrheit kleine oder mittlere Bodenbesitzer, Großbauern, die mit 200