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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 199

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 199 (sequence 227)
Language
German
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IRI
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Die ehernen Tatsachen des keimenden jüdischen Lebens im alten Lande, der Werdegang der jüdischen Landwirtschaft Palästinas nötigten uns jüdischen Sozialisten, für den Gedanken der Siedlungsgenossenschaft einzutreten. Der Zwang der Verhältnisse, nicht eine ideologische Aufwallung war es, die auch die zionistische Volksorganisation — die vorwiegend aus kleinbürgerlichen Elementen zusammengesetzt und von ihnen geleitet ist — bewogen hat, den Poale-Zion nachzugeben und ein Kolonisationssystem in Angriff zu nehmen, das sozialistische Entfaltungsmöglichkeiten besitzt. Die jüdische Agrarfrage in Palästina ist von zwei Gesichtspunkten zu beurteilen. Es gibt ein Agrarproblem für die besitzenden Einwanderer, die im Judenlande selbstwirtschaftende Bodeneigentümer und Kolonisten werden wollen. Es besteht ferner eine Frage der besitzlosen Immigranten, die Arbeitsgelegenheit und Existenzmöglichkeiten in der Landwirtschaft suchen. Die erste Agrarfrage ist zunächst eine technisch-kolonisatorische, die der Erwerbung und der Herrichtung von Grundstücken für kaufkräftige Einwanderer. Sie ist aber, wie es sich sehr bald herausstellte, auch ein nationales Problem, das der Heranziehung jüdischer Arbeitskräfte. Die proletarische Agrarfrage dagegen umfaßt die Aufgabe der Erziehung zur Landwirtschaft von städtischen Proletariern und der Schaffung einer Kreditbasis für die Seßhaftmachung nicht kreditfähiger, weil besitzloser Einwanderer. Die zionistische Organisation richtete bei ihren ersten tastenden Versuchen ihr Augenmerk vornehmlich auf die technische Seite des Siedlungswerkes. Die Lösung der Agrarfrage wurde mit der Vermehrung des jüdischen Landbesitzes in Palästina identifiziert. Die zionistischen Bemühungen waren in erster Linie darauf gerichtet, die Bedingungen für eine landwirtschaftliche Kolonisation zu schaffen, der die Fehler und Gebrechen der früheren Siedlungsmethode nicht anhaften. Der bisherigen Kolonisation, die schlechthin die philantropische genannt wird, die nach 25 Jahren etwa 30 Kolonien mit 7000 bis 8000 jüdischen Seelen zuwegegebracht hat, verdanken die Zionisten eine kostbare Lehre, nämlich, die Überzeugung, wie nicht kolonisiert werden soll. Wohl ist es gelungen, den Beweis für die Möglichkeit der Rückkehr der Juden zum Ackerbau zu erbringen, ein Ergebnis, das keineswegs zu unterschätzen ist. Doch sind die Resultate der 25 jährigen Anstrengungen, auch wohlwollend beurteilt, unbedeutend. Allein sie gestatten keine Schlüsse über den kolonisatorischen Wert und die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten Palästinas. Denn die bisherige Kolonisation bedeutete philantropische Kreditgewährung, Bevormundung der Ansiedler durch Wohltätigkeitsvereine, Ausschaltung jeder Selbsthilfe und Selbstverwaltung, Geldvergeudung und Willkür der Administration der Kolonisationsgesellschaften, schließlich unzulängliche, nicht rationelle Leitung der landwirtschaftlichen Betriebe. Auch das günstigste Siedlungsland könnte auf diesem Wege entvölkert werden. Die zionistische Organisation setzte vor allem auf diesem Gebiete mit ihrer Kritik und ihrer Tätigkeit ein. Die Wohltätigkeits- und Almosenwirtschaft wurde nach hartem Kampfe in der Tat beseitigt. Die vernünftige Organisation des Agrarkredits, die Erleichterung 199

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