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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 195

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 195 (sequence 221)
Language
German
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IRI
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Und doch Hebt er den Zaddik, fest gebunden fühlt er seine Seele an die des frommen Mannes. Manchesmal kam es über ihn wie ein Neid, und er sehnte sich nach Freiheit, bald aber unterjochte er die tierischen Instinkte und war dem Rabbi ganz ergeben. Oft war es ihm, als müßte er den Heiligen, welcher seine Ruhe geraubt, mit einem Fauststreich niederschmettern. Er wäre nicht der erste Jude, der durch Timoschas Hand gefallen . . . Bald darauf aber überwältigt ihn eine unsägliche Liebe zu dem Juden und er fühlt das Bedürfnis, sich vor ihm platt auf die Erde zu legen und ihm irgend was zu sagen. Doch wußte er nicht was . . . Als der Zaddik eines Tages, im Gebete versunken, vor der Kerkermauer stand, lautlos wie von einem Meißel gehauen, seiner Umgebung ganz vergessen, stieß ein junger Häftling mit spöttischer Miene Timoscha an. Da versetzte ihm dieser einen Stoß, daß er schier das Zeitliche segnete. * * * Da trat eines Tages Timoscha auf den Rabbi zu und sprach: „Sage mir, heiliger Mann, warum schuf Gott ein solch niedriges Wesen wie mich? Wem zu Nutze? Warum muß ich die Welt durch mein Sein verunreinigen? Sage es mir doch, o Rabbi." Der Rabbi hörte zu, mit großem Ernst, wie er denjenigen zuzuhören pflegte, die in schweren Sachen seinen Rat einzuholen kamen. Er wunderte sich über die Frage Timoschas nicht, nein, er hatte sie erwartet. Und er gab ihm sanft zuf Antwort: „Es ist gut Timoscha, daß du Gottes Wege erforschen willst, vorerst aber mußt du deine Seele reinigen, denn, der im Unrat watet, wird von all dem nichts verstehen, was ich sagen werde." „Reinigen sagst du," schrie Timoscha, „das ist doch bei mir ganz und gar unmöglich." „Du glaubst nur so," sagte der Rabbi beschwichtigend, „in Wahrheit aber liegt die Sache anders. Die Seele eines Menschen, selbst die des größten Verbrechers, ist viel tiefer, als der Mensch selbst zu glauben vermag. Sie ist ein göttlicher Funke, der nie, selbst im Unräte nicht, gänzlich erlischt." „Ich weiß nicht, was du sprichst," gab Timoscha resigniert zur Antwort. „Ich weiß nur, daß ich ein Tier bin, ein elendes und unglückliches Tier, und ich möchte meiner Seele los werden, ich will Jude werden. Ich glaube, daß es nur in Israel einen Gott gibt, und du bist Gottes Mann. Ich beginne zu verstehen, weißt du, wieso? Vorerst haßte ich dich, ich neidete dir deine Reinheit, deine Gläubigkeit. Meine Niedrigkeit empörte sich gegen deine seelische Pracht. Fast wollte ich dich morden, ich brachte es aber nicht zustande. Jetzt aber gehöre ich ganz und gar dir, es gelüstet midi, dich zu umarmen, dich zu küssen. Meine Lippen aber sind dessen nicht würdig, meine Berührung könnte dich entweihen. Wohlan, ich will 195

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