Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 220)
- Language
- German
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Es geschah ein Wunder: die im Kerker befindlichen Gojim änderten ihren Umgang mit dem Rabbi. Und noch mehr: ihren Umgang miteinander. Kein Fluch kam über ihre Lippen, ihre Hand erhob sich nicht mehr zum Schlag. Sogar Timoscha, dieser gefürchtete Raufbold, ließ seine Muskeln nicht mehr spielen. Zur Verblüffung aller Häftlinge lag er oft stundenlang auf seiner Pritsche stumm und in sich gekehrt. Ja, er übergab sogar dem Rabbi das geraubte Geld wieder. Der Rabbi wehrte wohl ab, wozu denn? Timoscha aber schrie: „Nimm zurück oder ich morde dich". Der Rabbi nahm das Geld lächelnd entgegen, Timoscha aber kehrte zur Pritsche zurück. * * Der Rabbi gewöhnte sich immer mehr an die Häftlinge und die Häftlinge an ihn. Er ging in der Zelle oft auf und ab, Mischnajos oder Sphar rezitierend, oder er unterhielt sich mit den Seelen des Simon ben Jochai, des Ari, des Bal-Schem, oder anderer Heiligen gesegneten Angedenkens, über die Erschaffung der Welt und das Geheimnis des Thrones. Zuweilen vergaß der Rabbi ganz und gar, wo er ist, und sang mit tiefer Inbrunst und Selbstvergessenheit sein bekanntes vierstrophiges Liedchen vor sich hin, auf dem er wie auf einer unsichtbaren Leiter in den Himmel stieg, um dort zu lustwandeln. Die Insassen der Zelle saßen lautlos da und horchten. Und als er am ersten Chanukaabend die Lichter entzündete und mit innerer Freude und Händegeklatsch das Gebet hiezu hinausschmetterte, zog ein Freudenrausch in die Sinne der Gefangenen, so daß sie im Chore mitsangen. Sie reichten sich die Hände, bildeten einen Reigen um den Rabbi und tanzten. Der Kerkermeister stürzte aufgeregt in die Zelle, blieb einen Augenblick verblüfft stehen, um sich dann unbewußt dem Reigen anzuschließen und mitzutanzen. Im Kerker ward es immer fröhlicher und lustiger. Auf den Flügeln des Gesanges, der sich diesen Bruchstücken menschlicher Wesen entrang, erhob sich das ganze Haus in selige Regionen bis an den Gipfel, zu dem selbst ein Chassid im Schma Gebete nicht gelangt. Es war der Zustand: Es sah die Magd an der See mehr, als Ezechiel in der Extase seiner Prophetie. ♦ * * Es geschah zuweilen, daß Timoscha den Rabbi gar merkwürdig betrachtete, wenn dieser seine Gebete verrichtete. Er fühlte sich klein, fast nichtig gegenüber der übergroßen Gestalt und fast kränkte es ihn, daß der heilige Mann seine wilden Leidenschaften zähmt und ihn beherrscht. Und wodurch? Nur mit seinem Blick, mit dem klaren und hellen Auge. 194