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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 193

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 193 (sequence 219)
Language
German
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IRI
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Er hebt an zu beten, es geht nicht, die Worte erstarren in der Kehle . *. Er sammelt sich — es geht nicht. Er fühlt, die Sache sei nicht einfach. Er ahnt: irgend ein großer Zaddik befindet sich in Not, daher kann keine freudige Stimmung in die Erscheinung treten. Ist aber ein Zaddik in Nöten, dann geschieht es nicht wegen des eigenen Schicksals, sondern wegen des Loses der Gemeinheit, weil ein Unglück bevorsteht.. . Rabbi Lewi Izchak sitzt, finster brütend, mit gesenktem Haupte da. Um ihn seine Gemeinde in teilnehmender tiefer Trauer. Da rafft er sich plötzlich zu einer Attacke gegen den Himmel auf (den er nicht zu schonen pflegte, wenn es galt, für Juden Rettung zu erflehen) und ruft: „Herre aller Welten! Was hast Du eigentlich mit Deinen Zaddikim vor? Du hast sie in winziger Zahl in die Welt gepflanzt und auf ihre Schultern die ganze Last der Weltenbesserung gegeben, die sie doch nur durch Gebete erreichen können. Wie sollen sie ihre Mission erfüllen, wenn Du selbst sie* am Beten hinderst? Wie sollen sie in die Schlacht ziehen, wenn Du sie des Schwertes und des Bogens beraubst? Was hast Du eigentlich mit Deinen Zaddikim vor? Du sehnst Dich nach ihrem Gebet, so hilf ihnen doch, daß sie beten können. ,Und das Heil der Frommen ist von Gott, ihrem Hort in der Stunde der Not, er hilft, er rettet, schützt sie vor dem Bösen, denn er ist ihr Heil'." Mit gewaltiger, donnernder Stimme schrie er diesen Bibelvers. Und die Chassidim merkten, daß die Scheidewand gefallen sei. Der Nebel zerfloß, die Finsternis schwand, eine Lichtflut erströmte und füllte das All mit Balsamdüften^ Und sie begannen zu beten. Ein solches Gebet, sagten die Altesten der Chassidim, hatten sie noch nie gehört. Es erbrach das Himmelstor. * * * Unser Rabbi Schneor Salmen merkte sohin eine vollzogene Änderung in^ seiner Stimmung. Er erwachte aus seinem Brüten und es gereute ihn, daß er auch nur einen Augenblick seinem Volke grollte und fürchtete, daß irgend jemand durch ihn bestraft werden könnte. „Führt denn der Ewige nicht die Welt, übersieht er nicht das Geschehen? Er ist doch die Ursache aller Ursachen und was er tut wendet sich zu Guten. Warum gräme ich mich so sehr über meine Verhaftung? Ist denn diese dicke Kerkermauer wirklich eine Scheidewand zwischen mir und dem, der alles ausfüllt? Wenn ich zum Himmel mich erhebe, treffe ich Dich an, wenn ich in die Gruft versinke, bist Du dort, wenn ich zur Morgenröte, zum Meeresende mich flüchte, auch dort bist Du, auch dort ergreift midi Deine Rechte. Denn Deiner Herrlichkeit voll sind die Welten, kein Plätzchen ist ihrer bar. Es gibt keinen Ort, wo ein Aufgehen in Dir, in Deinem Licht nicht denkbar wäre." * * * 193

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