Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 218)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Rabbi im Kerker. Legende. Von A. S. RABINOWITZ. Aus dem Hebräischen übersetzt von DAVID ROTHBLUM. ls hinter dem Rabbi Schneor Salmen die schwere Tür des Kerkers krächzend und ächzend in die rostigen Riegel fiel, war es bereits Nacht geworden. Das Getöse der Torsperre schlug mechanisch an sein Ohr und er vernahm den Widerhall sich langsam entfernender Schritte. Drin in der Zelle war es finster, das traurige Licht im Winkel unter der Lücke vermochte des Gelasses Düsterheit nicht zu erhellen. Die Insassen nahmen sich wie formlose Schatten aus. Nur hie und da ward ein raubtierartiges Gesicht sichtbar, mit brennenden, gierigen Augen, in denen der Hunger lauerte. Es waren harte Verbrecher in dieser Zelle, die sich nicht das erstemal in der Sünden Falle verstrickten und deren Leiber mit den sausenden Stockstreichen des strafenden Richters bereits vertraut waren. „Gar ein Judenmensch 1" schrie Timoscha, das Verbrechertier, als er des Rabbis ansichtig wurde. Ein häßliches Lachen entrang sich den heiseren Kehlen der Häftlinge. Es erscholl aber nicht zu Ende, es stockte und erstarrte. Rabbi Salmen aber sah und hörte nicht. Er war in tiefe Trauer versunken ob der Schmach seiner Brüder, die ihn der Gewalt der Andersgläubigen übergaben. Was sollte denn mit ihm geschehen? Wie durfte er ein gerechtes Urteil von diesen Fremden erwarten, wenn die, deren Ahnen am Sinai gestanden, derart das Recht mit Füßen traten. Die Häftlinge, vorerst von der heiligen Gestalt des Rabbis ergriffen und gebändigt, schöpften, als sie ihn in sich versunken sahen, Mut. Die Bestie erwachte in ihnen- und sie fügten ihm allerhand Bosheiten zu. Sie durchwühlten seine Kleider und raubten, was sie fanden. Er aber ließ sie gewähren; denn was wog ihre Schandtat gegen die seiner Brüder? * * Um diese Zeit geschah es, daß ein brennender Schmerz die Welt ergriff und in düstere Trauer hüllte. Sogar der Zaddik Lewi Izchak aus Beditschew, der, wie bekannt, dem Herrn „aus Freude" diente, wurde von der schwarzen Sorge gepackt. Die Trauer verschlang ihn wie eine schwere Flut, in der sich seine Seele verfing wie Jonas im Gedärm des Walfisches. Schon kam die Stunde des Maariw-Gebe er aber konnte den Mund nicht öffnen, so hatte die Trauer von ihm Besitz genommen. Eine Leitung im Kosmos war unterbrochen, die Welt schien leblos . . . Und die Zeit flog, fast wurde es Mitternacht . . . 192