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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 186

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 186 (sequence 212)
Language
German
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soll dabei in der Praxis überwunden werden. Nur die Karäer, meinte er, hätten sich dieser Fortentwicklung* des Judentums entgegengesetzt; und die orthodoxen Juden, die sich jetzt den Reformbestrebungen entgegensetzten, bezeichnete Geiger als „Karäer des Talmuds", t — So konsequent und klar seine Theorie auch sein mochte, in der Praxis wollte Geiger doch nicht so weit gehen. Vor allem widerstrebte es ihm, sich an die Spitze einer Gemeinde zu stellen, die sich von dem Ganzen losgetrennt hatte. Den Ruf, nach Berlin als Prediger der Reformgemeinde zu kommen, die allerdings noch nicht die jetzige radikale Form hatte, lehnte er nach einigem Zögern ab. Er sah bald ein, wie gut er daran tat, den historischen Zusammenhang im Judentum nicht zu zerstören, da sein Freund Holdheim durch die Annahme des Predigeramtes in der Berliner Reformgemeinde selbst unter den früheren Gesinnungsgenossen auf Widerspruch stieß („Briefe"* pag. 192). Die politischen Ereignisse der folgenden Jahre absorbierten alles öffentliche Interesse und stellten die Kämpfe um die Reform des Judentums in den Hintergrund. Die Juden setzten alle Kräfte für die Erlangung der bürgerlichen Gleichberechtigung namentlich in Preußen ein, und ein großer Teil der christlichen liberalen Mitbürger standen ihnen in diesem Kampf zur Seite. Auch die Ereignisse des Jahres 1848 kamen nicht unerwartet; sie kündigten sich durch verschiedene Vorgänge deutlich an. Geiger stand auch diesen Ereignissen nicht fern, da ihm die Erlangung der bürgerlichen Rechte für die Juden an sich und auch in deren Einwirkung auf die freie Entwicklung des Judentums sehr wichtig schien. Hingegen zeigen seine wissenschaftlichen Leistungen in jenen Jahren einen gewissen Stillstand. Seine amtliche Stellung in Breslau hörte nicht auf eine sehr schwierige zu sein. Der Kampf der Orthodoxen gegen ihn hatte zur Spaltung der Gemeinde geführt, so daß es in Breslau eine Zeit lang (1845—1856) zwei Gemeinden gab. Erst nach dem Eintritt der politischen Ruhe in Deutschland, als nach dem Revolutionsjahre die Politik nicht mehr die Gemüter beschäftigte und sich nach dieser Richtung eine weitgehende Ermüdung zeigte, begann man sich auch in jüdischen Kreisen mit innerjüdischen Fragen zu beschäftigen. Für das Judentum in Deutschland bildete das Jahr 1848 einen Wendepunkt. Mit der formellen Gleichberechtigung, die freilich in~v!elenEinzeln^ auf dem Papier blieb, hörte in clen weitesten jüdischen Kreisen für lange Zeit, bis zum Einsetzen der antisemitischen Bewegung, jedes Interesse für jüdische Angelegenheiten, für jüdisch-religiöse Fragen insbesondere, völlig auf. Was früher die Gemeinden so lebhaft beschäftigte, die theoretischen Erörterungen über die Zulässigkeit und das Maß der Reform im Judentum, interessierte nur noch ganz kleine Kreise. Das zeigte sich auch im ferneren Wirken Geigers. Die „Zeitschrift für die jüdische Theologie" war im Jahre 1847 eingegangen. In demselben Jahre gab Geiger die Sammelschrift „Nite naamanim" heraus, was er aus handschriftlichem Material zusammengestellt und beleuchtet hatte. Sehr wichtig ist seine Abhandlung: „Die nordfranzösische Exegetenschule im XIII. Jahrhundert", weil er in ihr der damals vorherrschenden Überschätzung der sephardischen und völligen Unterschätzung 186

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