Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 211)
- Language
- German
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Er riet, daß die Versammlung sich lediglich mit praktischen Reformen befassen möge, aber nicht mit theoretischen Untersuchungen, da die wissenschaftliche Theologie noch nicht so weit gediehen war, um von ihr ausgehen zu können. Mitten in diesen harten Kämpfen erlahmte jedoch die wissenschaftliche Kraft Geigers nicht. Seine Zeitschrift setzte er in Breslau fort. Außerdem erschien von ihm 1840 das Sammelbuch „Melo chofnajim", zumeist literarische Denkmäler der hebräischen Sprache aus Handschriften enthaltend. Im deutschen Teil dieser Schrift gab er eine ausführliche Biographie des Josef Salomo del Medigo, dieses eigenartigen jüdischen Zweiflers, dessen problematisches Wesen Geiger so sympathisch erschien. Im Jahre 1845 veröffentlichte Geiger wieder eine größere wissenschaftliche Arbeit: „Lehr- und Lesebuch der Sprache der Mischna". Den Plan zu diesem Buch hatte er noch während seiner Studienzeit in Bonn gefaßt. Auf der Rabbinerversammlung des Jahres 1845 zu Frankfurt a. M., die man als den Höhenpunkt der Reformbewegung im Judentum bezeichnen kann, nahm Geiger hervorragenden Anteil. Er war der zweite Vorsitzende der Versammlung und Führer der entschiedenen Reformer, welche gegen die vermittelnde, gemäßigt liberale Haltung Frankels rücksichtslos ankämpften. In der Frage der Gebetsprache beim öffentlichen Gottesdienst sprach Geiger seine Meinung aus, daß die hebräische Sprache da durchaus entbehrllclT^Hr*sie sei die nationale Sprache der Juden, nicht aber die religiöse, und sei daher aus der Synagoge zu entfernen. Diese Ansicht fand selbst bei den Anhängern der Reform keine ungeteilte Zustimmung die Resolution, daß die hebräische Sprache im öffentlichen Gebet abzuschaffen sei, wurde nur mit knapper Mehrheit angenommen. Nachdem Frankel die Versammlung ostentativ verlassen hatte, wurde sie von Geiger gänzlich beherrscht. ~ " — — — Unterdessen begann in Deutschland unter den Juden eine Bewegung für noch radikalere Reform. Eine Anzahl von Männern, denen die bisherigen Ergebnisse nicht genügten, taten sich, namentlich in Berlin und Frankfurt, zu „Genossenschaften" zusammen und forderten positive, in das Wesen des talmudischen Judentums tief eingreifende Reform, wobei aber ihnen nicht gelingen konnte, selbst vor dem biblischen Judentum Halt zu machen. Nachdem ihre Erwartungen, die sie auf die Frankfurter Rabbinerversammlung gesetzt, sich nicht erfüllt hatten, wollten sie selbständig vorgehen. Es ist selbstverständlich, daß sie sich vorzüglich an Geiger wandten, zumal sich bald darauf auch in Breslau eine solche Genossenschaft gründete. Die Stellung Geigers zu dieser Bewegung ist nach der theoretischen Seite ganz klar. Das talmudisch-rabbinische Judentum radikal zu reformieren, erschien ihm erlaubt und geboten; aber auch das biblische Judentum konnte nach seiner Theorie, den Anforderungen der Zeit entsprechend, nicht reformiert, wohl aber fortentwickelt werden. Er ging von dem Standpunkt aus, daß die Halacha, und zwar gerade die jüngere, von den Pharisäern begründete, eine fortschreitende Entv/icklung des Judentums und eine Losreißung von der Herrschaft der Tradition bedeute. Im Sinne des Talmuds, der nach seiner Meinung das starre Festhalten an dem Alten perhorresziert, soll auch das Judentum der Gegenwart fortgebildet werden; das Alte und Veraltete is 185