Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 210)
- Language
- German
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die auf ihn und die anderen Anwesenden einen großen Eindruck machte. Es war dies ein gedankenreiches Programm der Reform im Judentum. Dann öffnete der Polizeipräsident den Brief der Regierung, in dem er angewiesen worden war, die Predigt nicht zuzulassen. Am 25. Juli wurde Geiger mit großer Stimmenmehrheit gewählt. Indessen war er nach den damaligen politischen Verhältnissen als Bürger von Frankfurt a. M. in Preußen „Ausländer". Um in einer preußischen Gemeinde das Amt eines Rabbiners zu bekleiden, mußte er da zuerst naturalisiert werden. Dies zu verhindern gaben sich die Orthodoxen die größte Mühe. Bei dem frommen König fanden sie Gehör. Aber Geiger ließ sich nicht abschrecken. Er ging nach Berlin und setzte mit großer Energie, wobei ihn Alexander Humboldt eifrig unterstützte, seine Naturalisation und Bestätigung, im Amt durch (6. Dezember 1839). Bald darauf (2. Jänner 1840) wurde er offiziell in sein Amt berufen. Es begann in Breslau ein heftiger Streit. In der Praxis hatte Geiger damals nur unbedeutende Reformen vorgenommen, über die zu streiten sich kaum gelohnt hätte. Aber seine radikale Gesinnung war bekannt und sie erregte Anstoß auch in liberalen Kreisen. Schrieb er doch am 5. November 1836 an Derenburg, daß das Ziel der Refonnbewegung niclüjiurdie völHgeJBeseitigung des Talmuds sein müsse, sondern auch die Aufhebung der Bewertung der biblischen Schriften als religiöser Bücher. Die Bibel sei bloß ein Buch von großer poetischer Schönheit. Das kann nicht von heute auf morgen geschehen, aber es muß das Ziel sein. Es wäre an der Zeit, daß man aufhöre, in der Synagoge von der biblischen Erzählung als von geschichtlichen Begebenheiten zu sprechen. Mit dieser Lüge soll endlich aufgeräumt werden („Allgemeine Zeitung der Juden", 1896, pag. 165). Daß er diese Gesinnung ganz hätte verbergen können, ist wohl nicht anzunehmen. Aber nicht nur in seiner eigenen Gemeinde stand Geiger mitten im heftigen Kampf (vergl. seine Schriften: „Die letzten zwei Jahre", 1840; „Ansprache an meine Gemeinde", 1842), sondern auch in der heftig wogenden Reformbewegung in Deutschland. Im Jahre 1842 brach in Hamburg der zweite Tempelstreit aus, das heißt der Kampf um das Gebetbuch im Hamburger Tempel, zu dem Geiger energisch Stellung nahm. Gegen den bekannten Chacham Isak Bernays richtete er scharfe polemische Worte, aber auch die Führer der Tempelgemeinde tadelte er, weil sie nach seiner Meinung nicht radikal genug vorgingen, die alten geschichtlichen Erinnerungen des jüdischen Volkes und seine nationalen Hoffhungen für die Zukunft aus dem offiziellen Gebetbuch zu entfernen. Im Jahre 1844 tagte in Braunschweig die erste R^JbjLn,erversammlung in Deutschland, an der zumeist nur Anhänger der Reform teilnahmen. Geiger beteiligte sich an diesem Vorgang, der damals in der Judenheit großes Aufsehen erregte, zuerst mit einem an die Versammlung gerichteten Flugblatt, da er an den Beratungen nur gegen deren Ende teilnehmen konnte. Als er nach Braunschweig kam, hatten die konservativen Mitglieder der Versammlung diese bereits verlassen, und die zurückgebliebenen radikalen Elemente scharten sich um Geiger, sich dessen geistiger Führung unterordnend. „ 184