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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 183

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 183 (sequence 209)
Language
German
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IRI
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baden. Gleich darauf ging Geiger an ernste wissenschaftliche Arbeiten. Er besaß große Energie und organisatorische Begabung. Geiger wollte das liberale Judentum, das in jenen Tagen entstanden war, wissenschaftlich begründen und befestigen. Bereits im Jahre 1831 hatte er mit Zunz brieflichen Verkehr anzuknüpfen versucht. Jetzt trat er mit dem Plan hervor, eine „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie" zu gründen. Wenn man von der älteren Zeitschrift Zunz' absieht, die im Jahre 1823 erschien und nur tastende Versuche bot, so war Geigers Zeitschrift die erste auf dein Gebiete der Wissenschaft des Judentums. Der jugendliche Geiger trat mit Mut an die ausgezeichneten jüdischen Gelehrten jener Zeit heran, sie um sein wissenschaftliches Organ zu sammeln. Im Jahre 1835 erschien das erste Heft, in dem Geiger sein Programm entwickelte — noch unklar im Ausdruck, aber klar im Ziel. Er wollte das Judentum kritisch beleuchten. „Nicht alles, was die Vorzeit uns überliefert, hat auch sie wieder von grauer Urzeit erhalten, sondern erst in späterer Zeit hat mancher Umstand dieses Reis dem älteren Baume angesetzt, diesen Ring der Kette der Überlieferung angefügt, und nun, da der Zweig sich parasitenmäßig anschmiegt, da der Ring sich in die ganze Kette verschlungen hat, da glaubt der gewöhnlich blöde Sinn, so sei es von Urbeginn gewesen." An Deutlichkeit lassen solche Worte nichts zu wünschen übrig. Geiger hat später eine weitgehende Abneigung gegen das Christentum bekundet, was ihm von mancher radikalen Reform (so z. B. von der Abschaffung der Beschneidung) abgehalten hat. In seinem ersten Programm aber weist er auf die Entwicklung des Christentums hin in wissenschaftlicher und kultureller Beziehung und fordert für das Judentum Nachahmung. Man wird sich nicht wundern, daß die Zeitschrift Aufsehen und in konservativen jüdischen Kreisen heftigen Widerspruch hervorgerufen hat. Geiger ist immer, bis zu seinem Tode, im harten Kampfe geblieben, und zwar nicht nur deshalb, was er gesagt und geschrieben hat, sondern auch, und deshalb zumeist, wegen der Form, wie er es sagte und schrieb. Obwohl er in der praktischen Reform doch nicht so weit ging wie Holdheim, hat er theoretisch das rabbinische Judentum schroffer und schärfer bekämpft* Unterdessen überzeugte sich Geiger bald, daß er in Wiesbaden nicht bleiben konnte; die Gemeinde war zu klein, um ihm einen auskömmlichen Gehalt zu gewähren. Er mußte sich nach einem größeren Wirkungskreis umsehen. Gleichzeitig aber begann der Kampf der Orthodoxie gegen ihn, der oft auch mit unschönen Mitteln geführt wurde, so daß auch Gabriel Riesser genötigt war, gegen die persönliche Verunglimpfung Geigers energisch Stellung zu nehmen. In Breslau vereinigten sich einflußreiche Freunde der Reform, um Geiger dorthin als Rabbinatsassessor und Prediger zu berufen, wogegen die Orthodoxie heftig ankämpfte. Als Geiger am 21. Juli 1838 in Breslau eine Probepredigt halten sollte, hatten seine Gegner beim König (Friedrich Wilhelm III.) in Erinnerung gebracht, daß vor Jahren durch ihn die reirideutsche Predigt in der Synagoge als „unerlaubte Neuerung" verboten worden war. Der Polizeipräsident Heineke war der Reformbewegung unter den Juden günstig. Gerade am 21. Juli langte bei ihm ein Schreiben der Regierung von Berlin an. Er ließ es uneröffnet und ging in die Synagoge, die Predigt Geigers zu hören, 183

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