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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 182 (sequence 208)
Language
German
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Geiger wurde nach Vollendung des achten Lebensjahres aus dem Cheder genommen und von seinem Vater, später von seinem Bruder unterrichtet; allerdings nur in Bibel und Talmud. Außer dem Lesen hat er die deutsche Sprache nicht regelmäßig gelernt, auch anderes Schulwissen wurde ihm nicht beigebracht. In jungen Jahren verstand er bloß vorzüglich hebräisch, und seine Umgangssprache war jener jüdisch-deutsche Dialekt, der damals im Frankfurter Ghetto gesprochen wurde. Zufällig machte sich Geiger als Knabe mit der Arithmetik bekannt und ohne jede Hilfe auch mit der Algebra und der Mathematik. Später lernte er, ebenfalls autodidaktisch, Geschichte und Französisch. Mit elf Jahren begann in ihm bereits der Zweifel an den göttlichen Ursprung der Thora aufzukommen, den er niemand mitzuteilen wagte, sondern, so gut es ging, selbst zu beschwichtigen versuchte. Auf dem Gebiete der talmudischen Studien gelangte der Knabe zu einer hohen Stufe. „So war ich schon in mein zwölftes Jahr gelangt," schrieb er später als vierzehnjähriger Knabe, „immer noch geliebt von allen Dummen, geehrt von allen Nichtkennern, geachtet von allen Orthodoxen, aber ungekannt von allen Einsichtigen und bemitleidet von den midi kennenden gebildeten Leuten." Um jene Zeit nahmen sich die Herren Rotschild des Knaben an; er wurde privatim im Lateinischen und Griechischen auf ihre Kosten unterrichtet; auch lernte er erst damals regelrecht Deutsch. Im Leben des jungen Geiger trat im April 1823 eine bedeutsame Wendung ein; er verlor, bevor er das dreizehnte Jahr vollendet hatte, seinen Vater. Wenn er auch seitdem von seinem Bruder Salomon unterrichtet und erzogen würde, so konnte er doch mehr seinen eigenen Willen durchsetzen. Allmählich vollzog sich in ihm der Bruch mit dem talmudisch-rabbinischen Judentum. Gehässig und verbittert, schrieb er bald darauf: „Von Tag zu Tag reift der Gedanke in meinem Geist, daß doch mein bisheriger Glaube nicht fest gegründet sei, es wurde heller in mir, bis endlich die Flamme der Aufklärung allen Unrat vernichtet hatte." In religiösen Dingen blieb Geiger seitdem Rationalist, weshalb ihm der Bruch mit der Vergangenheit leicht wurde. Durch Unterstützung einiger Freunde gelang es Geiger in der Folge, durch Privatunterricht seine Gymnasialbildung zu vervollständigen. Im Frühjahr 1829 ging er nach Heidelberg, wo er auf der Universität semitische Sprachen, vornehmlich Arabisch und Syrisch, studierte. Den Wunsch seiner Familie, sich nach Würzburg zu begeben, wo damals eine berühmte „Jeschiba" bestand, wies er ab; er gab aber doch seine talmudischen Studien nicht auf, nur daß er sie jetzt wissenschaftlich-philologisch betrieb. Für kurze Zeit trat in seiner religiösen Gesinnung damals eine Reaktion ein; er wollte sich von jedem Radikalismus fernhalten. Von Heidelberg ging er nach Bonn, wo er seine Studien fortsetzte. Dort vollendete er seine erste größere wissenschaftliche Arbeit: „Was hat Mohammed vom Judentum aufgenommen?", die am 3. August 1832 von der Universität zu Bonn preisgekrönt wurde. Es war dies die erste gründliche Untersuchung über das Verhältnis des Islam zum Judentum und erregte in Fachkreisen großes Aufsehen. Nun mußte sich Geiger um einen praktischen Beruf umsehen. Er wollte Rabbiner werden, doch nicht in der alten Form, wie seine Angehörigen gewünscht hatten. Ende 1832 erhielt er die Stelle eines Rabbiners in der damals nicht bedeutenden Gemeinde zu Wies- 182

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