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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 181

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 181 (sequence 207)
Language
German
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IRI
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gegen die in der westeuropäischen Kultur zurückgebliebenen Juden des Ostens. Aber nachdem er seine „Urschrift" veröffentlicht hatte, die neben ihrem wissenschaftlichen Gehalt reförmatorisch wie ein Sturmbock wirkte, schrieb er manche wertvolle Ergänzungen dazu ausschließlich in hebräischer Sprache für ein osteuropäisches Publikum. Die letzte wissenschaftliche Arbeit, die aus seiner Feder wenige Tage vor seinem Tode geflossen ist, war ein Beitrag für eine hebräische Zeitschrift, ebenfalls im Anschluß an sein Hauptwerk, an sein Lebenswerk. Um eine ausführliche Biographie Abraham Geigers zu schreiben, die sein Wirken im Rahmen der Zeitgeschichte umfassen soll, müßte man eben eine groß angelegte Geschichte jener Zeit schreiben. In einer „Geschichte der jüdischen Reformationsbewegung" habe ich versucht, Geigers Tätigkeit und hervorragende Teilnahme an dieser Bewegung objektiv zu schildern. Anläßlich seines hundertsten Geburtstages, der gewiß ein Gedenkblatt in unserer Geschichte verdient, will ich mich darauf beschränken, seinen Lebensgang in möglichst objektiver Weise zu zeichnen. Wenn man auch daraus alles entfernt, was zur Parteiung und zum Parteikampf gehört, bleibt noch so viel übrig, daß wir mit Verehrung und Bewunderung zu diesem großen Sohn unseres Stammes, den auch er nicht hat vernichten können-, hinblicken. Trotz alledem nennen wir ihn mit Stolz den Unsrigen. * * * Abraham Geiger wurde am 10. Mai 1810 zu Frankfurt a. M. als Kind eines armen, aber gelehrten Mannes (Michael Lazarus Geiger) geboren. Seine Eltern waren streng gläubig. Auch sein älterer Bruder Salomon, der eigentliche Lehrer und Erzieher Abraham 'Geigfers, war ein Mann von großer jüdischer Gelehrsamkeit und von orthodoxer Gesinnung. Trotz des großen Unterschiedes in der religiösen Anschauung war aber das Verhältnis der Brüder ein stets inniges. Abraham Geiger zeigte schon früh ungewöhnliche Begabung. Mit drei Jahren las er schon hebräisch und deutsch, mit vier Jahren begann er die Bibel zu lesen und zu übersetzen; auch begann er bald die Mischna zu lernen. Mit sechs Jahren lernte er bereits Talmud. Da sein Vater sich mühsam ernährte, so konnte er auf die Ausbildung des begabten Knaben keine Zeit verwenden; er mußte ihn deshalb in eine Privatschule, eine Art „Cheder" schicken, wo der junge Geiger zwei volle Jahre zubrachte. Die Zustände in dieser Schule schilderte Geiger später mit folgenden Worten: „Da aber mein Vater mit Mühe sich und seine Familie ernähren mußte, so schickte er mich in eine Schule, wo man den ganzen Tag mit Talmud und auch nicht einmal damit, sondern mit nichts zubrachte, und so verbrachte ich in einem kläglichen Zustande zwei Jahre meines Lebens. Denn nicht bloß, daß ich bei einem so unwissenden Lehrer und ebensolchen Schülern nichts anderes als Sittenverderbnis wahrnahm, ich wurde auch von meinen Mitschülern als stolz verabscheut und gehaßt, denn ihren Gassenbübereien wohnte ich nicht bei." Man entnimmt aus dieser traurigen Schilderung, daß das jüdische Schulwesen in Frankfurt a. M. anfangs des vorigen Jahrhunderts nicht zum besten bestellt war. Der junge 181

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