Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 180 (sequence 206)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/1112869-9311769--539-1113078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Abraham Geigen Von Dr. SIMON BERNFELD. s gibt Männer in der Geschichte, die wir gegen unseren .Willen bewundern und verehren müssen. Ihre große Persönlichkeit, ihr geniales Wesen flößt uns Achtung und Bewunderung ein, und wenn wir ihr Leben und Wirken beurteilen, vergessen J wir mit vielem nicht einverstanden sind, daß wir manches in ihrem Tun als unheilvoll bezeichnen müssen. Zu diesen Personen unserer Geschichte gehört auch Abraham Geiger, der unstreitig einer der genialsten und fruchtbarsten Mitbegründer der Wissenschaft des Judentums war, dem jüdischen Stamme durch seine ungewöhnliche Begabung und Tatkraft zur Zierde gereicht. Dies müssen wir anerkennen, wenn wir auch gleichzeitig betonen, daß Abraham Geiger es war, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mit großer Energie und mit noch größerer Rücksichtslosigkeit die Axt an den uralten Stamm unseres Volkes gelegt hat, um ihn zu zersplittern, um aus dem jüdischen Volke eine jüdische Glaubensgemeinschaft zu machen, die von der nationalen Grundlage, vom geschichtlichen Boden gänzlich losgelöst werden sollte. Abraham" Geiger war der gefährlichste Gegner des jüdischen Nationalgedankens, weil er der Begabteste unter den Führern der Reformbewegung war. Die jüdische Geschichte hat er mit seltenem Scharfblick erfaßt, in ihre Psychologie ist er tief eingedrungen. Rätselhaft aber ist dabei, daß er so kaltblütig und folgerichtig das Aufgeben der jüdischen Nationalität gepredigt hat. Unter den Männern der Reform hatte es auch solche gegeben, die in der Praxis radikaler als er vorgegangen sind; aber niemand hat wie er in solcher unheimlichen Ruhe das Seziermesser an das Judentum gelegt und dessen Entnationalisierung so unerbittlich gefordert. Derselbe Geiger aber, mit dem wir vom nationalen Standpunkt aus so streng ins Gericht gehen müssen, war einer der begabtesten und bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums. Was er da geleistet hat, ist von bleibendem Wert und gereicht dem Judentum zum Segen. Er, der die Beseitigung der hebräischen Sprache aus der Synagoge gefordert hat, beherrschte unsere nationale Sprache mit bewunderungswürdiger Meisterschaft. Sein hebräischer Stil weist die Lebhaftigkeit und Lebendigkeit des Rapoport'schen Stiles auf, doch ohne dessen Nachlässigkeiten und ohne dessen grobe Germanismen. Er ist tadellos korrekt, wie der Stil S. D. Luzzattos, aber tiefer und eindringlicher als dieser. In seinem Leben hat sich in dieser Beziehung etwas Tragisches abgespielt. In jungen Jahren, als er sich, noch nicht dreißig Jahre alt, mutig an die Seite der bereits anerkannten und bewährten Forscher stellte, wollte er die hebräische Sprache auch aus der Wissenschaft des Judentums entfernt sehen. Er begriff nicht, wie Zunz sich darnach sehnen konnte, daß sein Hauptwerk, die „Gottesdienstlichen Vorträge", ins Hebräische übersetzt würden. Abraham Geiger zeigte dabei eine weitgehende Abneigung 180

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.