Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 201)
- Language
- German
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Plötzlich bricht alles ab, als wären alle Saiten gerissen, alle Hörner geplatzt. . . . Stille. Und in der großen Stille hört man es: Bü—bu—buu . . . Abraham, der Baßgeiger, spielt weiter . » . Alle Augen heften sich auf ihn. Keiner rührt sich, keine Wimper zückt; nur Abrahams Hand führt den Bogen unaufhörlich: Bu—bu—buu.,.-Die Tomasdiower Musikanten haben ihn mit Absicht nicht zurückgehalten, üm den HochzeitsgästenFreude zu bereiten . . . Aber diesmal ist es ihnen nicht gelungen. Die Spielleute schauen erwartungsvoll in die Menge, wann sie in Lachen ausbricht. Doch die Gäste wenden ihre Augen von Abraham zum Krakauer Rabbi. In seiner Gegenwart lacht man nicht, wenn er nicht lacht. Die Gesichter verziehen sich, die Lippen zucken, die Aügeh lachen, aber man blickt auf den Krakauer Rabbi und das Gelächter bricht nicht aus. Und der Krakauer Rabbi sitzt an seinen Stuhl gelehnt, die Augen gesenkt. . . Ist er etwa eingeschlummert? Und weiter tönt des Basses Melodie: Bu—bu—buu . . . Allen wird es unheimlich V. Alles wendet plötzlich die Augen zur Mitteltür. Draußen hört man TV^e; die Diener laufen hinaus und rufen: „Nein, nein! Ihr bekommt"später das Armenmahl!" Alles begreift: arme Leute wollen hereinkommen. Der Krakauer Rabbi hebt seine Augen und öffnet die Lippen, einen Befehl zu geben; doch schon erscheint in der Tür ein alter Mann in zerlumpten Kleidern, ein grauer Bart umrahmt wirr sein Gesiclht, eine Bettlergestalt ists, wie tausend andere. Doch der Mann hat Augen, deren Blick ist wie der eines Königs; seine Handbewegung ist königlich. Ohne es zu wollen, begegnen die erschrockenen Diener seinem Blick mit scheuer Achtung. Der Alte macht eine befehlende Geste mit der Hand und unwillkürlich bildet der Dienerhaufe verlegen eine Gasse. Und der Mann im Kleid eines Bettlers und mit dem Gebaren eines Königs schreitet in den Saal. Hinter ihm zieht sich feine lange Reihe von Bettlern. In der Mitte des Saales bleibt der ganze Zug stehen. Alles sieht schweigend dem seltsamen Vorgang zu, auch der Krakauer Rabbi, nur Abraham führt den Bogen. Sein gekrümmter Rücken zittert und er spielt. Und dumpf und ernst klingt es: Bu—bu—buu . . . Der Alte öffnet den Mund . . . alles beugt sich vor oder stellt sich auf die Fußspitzen. Sie hängen an seinem Munde voll Erwartung und ihre Augen haften an seinen Lippen, um sein Wort zu vernehmen. Ein einziges Wort spricht der Bettler zur Menge: „Mitternacht!" Dann wendet er sich zum Krakauer Rabbi und sagt: „Höre, Rabbi von Krakau, mein lieber Abraham spielt das Mitternachtgebet. Du glaubst es nicht, Rabbi von Krakau? Du sollst es hören. Denn auf daß du hörest, wie Abraham das Mitternachtgebet spricht, ward es dir beschieden, die Tochter des Lubliners zu heiraten; denn Tomaschow liegt inmitten zwischen Krakau und Lublin. Und um Deinetwillen sollen alle Abrahams Gebet hören, nur nicht so, wie du es hörst, denn du bist ja ein Musikkenner." 177