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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 178 (sequence 202)
Language
German
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IRI
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Bu—bu—buu — tönt es weiter durch den Raum. Die Menge schweigt wie gebannt. Da hebt der alte Bettler die rechte Hand und das Dach spaltet sich und seine beiden Hälften legen sich um. Und wo eben noch das Dach war, dort blickt der Himmel in den Raum, ein dunkler, sternbesäeter Himmel. Still zieht der Mond über die Öffnung und ergießt sein weißes Licht. Noch einmal hebt der Bettler die Hand; der Himmel spaltet sich und zitternder Glanz liegt in der Wölbung, die sich den Blicken aufgetan. Und man hört aus der Heilten Höhe ein Singen und Spielen; die Himmelshöhen sagen ihr Mitternachtgebet. Engel singen einen Chor, Engel spielen die begleitende Musik des Orchesters. Und in diese Symphonie des himmlischen Gebetes paßt wundersam der Ton von Abrahams Instrument. Sein Ton ergießt sich in die lichte Harmonie, welche die Klänge verbreiten, die den Himmelsraum mit dem Lichte der Töne erfüllen. In zitternder Ehrfurcht steht die Menge der Gäste . . . Wieder winkt der Alte: der Himmel schließt sich, die Musik hört man nicht mehr, nur die Sterne funkeln ins Gemach hinein und erzittern in stiller Freude . . . Wieder winkt der Alte und die beiden Hälften des Daches fallen zurück. Wie versteinert sitzt die Menge; keiner traut sich zu atmen und man hört nur Abrahams Baß: Bu—bu—buu . . . Da entsinkt der Bogen und das Instrument Abrahams Hand, er wendet sich der Menge zu und erhebt seine Stimme zum „Sch'ma Isroel" ... Er sagt es in derselben Melodie, mit der er im Himmelsorchester mitgespielt. Wie er endet, sinkt er tot nieder. Der Alte fängt ihn in seinen Armen auf und befiehlt den Dienern: „Tragt ihn hinausV Und sie tragen ihn hinaus. „Krakauer Rabbi/' ruft der Alte, „nicht zu einer Hochzeit seid ihr gekommen, sondern zu einem Begräbnis. Abraham, der Baßgeiger, ward ins himmlische Orchester berufen; dort hat ein Baßgeiger gefehlt." Mit diesen Worten verschwand der Alte und mit ihm alle Bettler. Zwei Tage darauf ward Abraham, der Baßgeiger, begraben; der Krakauer Rabbi und alle Gäste gaben ihm das Geleite. Man sagt, der Alte sei Rabbi Leib, Sorachs Sohn gewesen . . . 59 i.i i.i 178

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