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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 176 (sequence 200)
Language
German
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zugegen sein, alle möglichen Stände: Reiche, Bürger, Gelehrte, Rabbonim, Dajanim. Und drei Musikkapellen werden spielen: die Krakauer, die Lubliner und natürlich auch die Tomaschower. Fast am Ende der Stadt steht ein großer Schuppen, wo im Winter Holz lagerte. Jetzt ist er leer; das Holz ist längst auf der Weichsel nach Danzig geschwommen. Diesen Schuppen dingen die Bereiter im Namen des reichen Lubliners. Außen wird er mit farbigen, prächtigen Bildern bemalt und innen wie eine Laubhütte mit herrlichen Gewinden und kostbaren Stoffen behangen. Von einem Ende bis zum andern ziehen sich Tische, für Männer und Weiber je eine besondere Reihe. An den Wänden befestigt man Lampen und Papierlaternen. Vierhundert Menschen faßt der Raum. Natürlich ist ein besonderer Eingang für die Männer, für die Weiber und für die Spielleute. In der Mitte aber wölbt sich ein großes Tor, über dem Torasprüche in Goldbuchstaben stehen. Dieses Tor ist für den Rabbi von Krakau und seinesgleichen bestimmt. Der Tag der Hochzeit ist da. Gäste kommen unaufhörlich. Oberall im Städtchen rechnet man es sich zur Ehre an, sie aufzunehmen. Die Zeit des Mahles ist angebrochen. Man sitzt an den Tischen; die Sabbathleuchter auf der Tafel, die Kronleuchter und Lampions an den Wänden erfüllen den Raum mit zaubrischem Licht, die Steine in den Ohrgehängen blitzen und die seidenen Brusttücher der Frauen glänzen — und am hellsten strahlt in dem Raum das Licht der Thora. Krakauer und Lubliner Gelehrte sitzen da, zwischen ihnen die Tomaschower Gelehrten und obenan die Leuchte des Wissens, der Krakauer Rabbi. Die Dienerschar trägt Schüsseln mit köstlichen Gerichten auf. Hell klingen die silbernen Gabeln und Messer; ihr Klang vermischt sich mit den glockenreinen, hellen Stimmen am Frauentisch. Diese Töne aber werden zur Dreiklangsharmonie ergänzt, durch das ernste Gespräch über Thora und göttliche Lehren am Tische des Krakauer Rabbi . . . Mitten drin ertönt die Musik; drei Kapellen spielen ein „Frejlachs". Es jauchzt und jubelt, die Tischflammen erzittern freudig und die Flammen an der Wand tanzen. Der Krakauer Rabbi, ein großer Musikkenner, nimmt die Töne mit Freuden in seinem Herzen auf . . . Und in langsamem, harmonischem Abklang — man merkt es gar nicht — geht die Musik in einem „Wojlach" über. Langsam fließen die Töne dahin; einer einzigen Geige entquellen sie. Sie redet gleichsam, redet zu den Herzen und öffnet sie und gießt ihre Töne wohlig hinein. Alle Instrumente begleiten leise, hinhauchend die Zaubertöne ... Es ist, als hörte man die Weichsel rauschen. Ihre Wellen wiegen sich im Mondenschein und sie singt ihr eigenes Lied mit zitternder Stimme zu Ehren des Bräutigams und der Braut. Über den Wassern schwebt ein Vöglein und singt traurig ein Klagelied. Singt die Schechinah ihren Klagegesäng? Denket ihr, die ihr im Golus seid, an das Golus der Schechinah?... Dazwischen fährt plötzlich die helle Freude mit rauschenden Tönen, die Freude über die Vereinigung von soviel Schönheit des Leibes und der Seele in diesem einen Raum. Alle Instrumente werden von dem Rausch ergriffen und fallen mit ihren höchsten Freudentönen ein, immer freudevoller, immer höher, als erhöbe sich ein Mensch freudigen Herzens von einer Stufe zur andern, höher, immer höher ... es rauscht, es leuchtet, es tanzt, es blitzt 176

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