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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 175

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 175 (sequence 199)
Language
German
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IRI
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die Begleitungfür eine andere Kapelle, die irgendwo in weiter Ferne spielt und keiner hört sie, nur er selbst. Anfangs gab es deshalb Verdruß, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran. Wenn man beim Gutsherrn spielte, da hatte man ein Mittel, um dem Übel abzuhelfen. Wenn das Stück zu Ende ging, hielt ihm einer von der Kapelle den Bogen und hinderte ihn so, weiterzuspielen. Bei jüdischen Hochzeiten aber ließ man Abraham ruhig gewähren und die Gäste belustigten sich an dem ergötzlichen Baßgeiger. — Die Gemeinde ist auch sehr zufrieden. Abraham sitzt still und züchtig, das Gesicht zur Wand gekehrt, mit dem Rücken den Leuten zugewendet, damit er ja kein Weib sehe. Während einer Hochzeit nimmt er keinen Bissen, wenn man ihm etwas reicht. Er hat sein Stückchen Brot in der Tasche; man merkt gar nicht, wann er es ißt. Er leistet der Gemeinde überdies noch einen unschätzbaren Dienst. Man kann ihn als Schulklopfer verwenden. Damit hat es folgende Bewandtnis: Abraham sagt dreimal im Tage auf seinem Baß das „ScVma Israel"; früh beim Sonnenaufgang, abends beim Sonnenuntergang und um Mitternacht. Früh und abends verrichtet er sein Gebet beim Flusse, um Mitternacht mitten auf dem Marktplatz. Und die Töne des Basses zerfließen in der stillen Mitternacht, dringen durch Läden und Fenster, durch Türen und Stuben bis ins Herz; in ihnen liegt die ernste Stimme feierlicher Inbrunst. Wen der Haitfmer des Schulklopfers nicht weckt, der wird munter durch die Töne des Basses. Bu—bu—buu . . . ertönt es und unwillkürlich springen die Juden, die es hören, aus dem Bette und eilen zum Dienst des Herrn. Sie zünden ihre Lichter an und versammeln sich zum Mitternachtsgebet. Sein Spiel, das nie Takt hielt, kostete dem Baßgeiger bei einer Unterhaltung beim . Gutsherrn einst eine Haarlocke, die ihm der erzürnte Gutsherr aus der Schläfe riß. Bei •s jüdischen Hochzeiten lacht man über Abrahams Spiel; aber wenn die eigenartigen Töne des Basses zum Mitternachtsgebet rufen, da murmelt mancher in scheuer Verwunderung: „Ein Unglücksmensch ist das doch; aber in seinen Tönen liegt etwas, liegt etwas . . Und andere sagen: „Eine stumme Seele; sie will mit ihrem Schöpfer sprechen und hat keine andere Sprache als, diese Töne . . " IV. In Tomaschow gab es eine Hochzeit; solch eine Hochzeit kommt sicher nur einmal in hundert Jahren vor. Es war wirklich etwas Ungewöhnliches. Der reichste Mann aus Lublin verschwägerte sich mit dem Krakauer Rabbi und Tomaschow lag gerade in der Mitte zwischen beiden Städten. Also wurde dort die Hochzeit vereinbart. Und der reiche Lubliner will dem Krakauer Rabbi eine Hochzeit ausrichten, daß der große Rabbi es wisse, mit wem er Schwägerschaft schließt. Einen Sack Goldes verwendet der Lubliner zur Vorbereitung der Hochzeit. Er schickt seine Diener nach Tomaschow, um alles mit königlicher Pracht vorzubereiten. Die Diener kommen nach Tomaschow und suchen einen passenden Ort für das Hochzeitsmahl; es werden doch Lubliner, Krakauer und Tomaschower Gäste 175

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