Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 198)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--531-1113070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der verschwundene Baßgeiger. Neues gibt es da nichts, denn gefunden ward er noch nicht. Plötzlich fährt ein Bauer mit einer Fuhre auf dem Markt ein. Er hat den Baßgeiger erfroren aufgefunden ... In Hast und Eile trägt man den Leichnam zu Grabe, noch vor dem Lichtanzünden, um den Sabbath nicht zu entweihen. Am nächsten Morgen läßt die Witwe keine Ruhe: fünf kleine Würmchen hat der Tote zurückgelassen. Samstag nachts ist eine Beratung der Gemeinde; die Musikanten werden vorgeladen. Die Gemeinde hat keinerlei Fonds und wünscht daher, die Spielleute mögen sich ohne Baßgeiger behelfen und der Witwe auch weiterhin den Anteil des verstorbenen Baßgeigers von ihren Einnahmen geben, damit sie mit ihren Kindern das Leben friste. Die Spielleute setzen auseinander, eine Kapelle ohne Baßgeiger sei überhaupt keine Kapelle. Bei jüdischen Unterhaltungen ginge es ja noch, wenn sich die Gemeinde damit einverstanden erkläre, aber welcher Gutsherr wird eine Musikkapelle ohne Baß nehmen? Der Rabbi entschied, daß die Erhaltung einer jüdischen Witwe und jüdischer Waisen notwendiger und wertvoller 3ei, als eine Kapelle mit zwölf Bässen und hundert gutsherrlichen Unterhaltungen. Die Musikanten entgegneten darauf, ihrer Meinung nach sei der Row, er möge es ihnen nicht übel nehmen, in Musiksachen keine Autorität. Darauf gab es natürlich in der ganzen Versammlung nur eine Stimme der Entrüstung über die „Schkozim". Indes hebt der Bürger, welcher den fremden jungen Menschen so klug ausgefragt, die Hand und schlägt auf den Tisch: „Ruhe, meine Herren! Ich weiß einen Ausweg. Ich kenne einen jungen Mann, der hat Vorliebe gerade für einen Baß und kann, denk* ich, auch spielen. Verheiraten wir den mit der Witwe nach dem seligen Baßgeiger, dann ,wird der Wolf satt sein und die Ziege doch ganz bleiben*. Und was die Hauptsache ist, die Gemeinde wird nicht einen Groschen zu zahlen haben." Der Mann wollte die Sache nur im Spotte, zur Erheiterung vorbringen; aber beide streitende Parteien nahmen den Rat ernst und klammerten sich an ihn, wie Schiffbrüchige an eine Planke. Man unterhandelte mit den beteiligten Personen. Die Witwe war einverstanden, Abraham auch und noch in demselben Monat standen beide unter dem Trauhimmel. So kam Abraham zu einem Weibe und fünf Kindern und zu einem Baß mit Bogen und Riemen. Mit seinem Weibe lebt er in Frieden. Er kommt nie in die Stube, schläft im Freien und ist stets unsichtbar, außer wenn er spielt. Hat er Hunger, so klopft er an's Fenster und sein Weib reicht ihm ein Stück Brot. Dann verschwindet er, bis ihn der Hunger wieder sichtbar macht. Wenn die Nachbarinnen seine Frau fragen, wie ihr die neue Ehe gefalle, lächelt sie. So gut ging es ihr nie im Leben. Ihr Mann trinkt nicht und ißt nichts; sie hört kein böses Wort von ihm. Mit der Kapelle hat sie ein Abkommen getroffen und bekommt den Verdienst selbst in die Hand. Was fehlt ihr also? Abraham, dem neuen Baßgeiger, fehlt es scheinbar auch an nichts. Wohl hört er im Anfang böse Worte von seinen Kollegen, weil er nie Takt hält. Er spielt, als ob er gar nicht zu dieser Kapelle gehörte. Das Stück, das die Musikanten gerade spielen, ist längst zu Ende, aber Abraham spielt noch fort, mit Ernst und Eifer, als gebe sein Instrument 174