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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 173

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 173 (sequence 197)
Language
German
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und lief eilends ins Beth-Hamidrasch; dort erzählte er in der Pause zwischen dem Mincha- und dem Abendgebet voll Stolz, was er alles durch seine klugen Fragen aus dem sonderbaren Menschen herausbekommen habe.. III. Diese interessante Unterredung bildete eine Zeitlang den Gesprächstoff im Städtchen, bis sie von einem interessanteren Begebnis abgelöst wurde. Das Städtchen besaß nämlich eine jüdische Musikkapelle; die bestand aus zwei Geigen, einer Flöte, ein Paar Tschinellen und dem unentbehrlichen Baß. Sehr gesucht war diese Kapelle nicht. Sie spielte auf jüdischen Hochzeiten und verdiente sich außerdem an Purim und Chanuka ein paar Groschen. Wenn das Glück den Musikern besonders hold war, so nahm sie ein Gutsherr in der Umgegend als Ballmusik auf, wenn keine andere Kapelle mehr zu haben war. Im Rufe besonderer Virtuosität und Bravour standen diese fünf Musikanten nicht, das steht fest. Es ereignete sich nun folgendes: Winter war's, die Kapelle geht im Morgengrauen heimwärts von einem Balle auf einem Nachbarsgut. Getrunken hat man dort genug, mehr als genug vielleicht; aber gegessen hat keiner — es war doch bei einem Gutsherrn — kaum daß sie einen Bissen trockenes Brot berührt haben. So gehen die Leute müde und zerschlagen durch den Schnee; der eine oder der andere brummt etwas vor sich hin; ob es eine Melodie oder ein Fluch war, kann ich nicht entscheiden. Der Baßgeiger, der an seinem Instrument am schwersten zu tragen hat, schleppt sich mit Mühe hinten nach. Er ist alt und schwach und kann nicht Schritt halten; mit Mühe hebt er die Füße aus dem tiefen Schnee. So ruft und schreit und fleht er, die anderen mögen langsam gehen. Doch man hört auf ihn, „wie auf den Row". Denn es gibt gerade einen Streit wegen der Anteile an der Löhnung. Ganz nüchtern waren die Leute auch nicht, daher gehen sie nfcht zusammen, sondern wanken müde, jeder so gut er kann, vorwärts. Ein Schneesturm bricht lös. Die schneidende Luft ernüchtert die Gesellschaft, sie schauen, daß sie vorwärts kommen, und laufen der Stadt zu. Wie sie dort ankommen, eilt jeder seiner Wohnung zu. Wie ein Sack fällt er auf sein Bett, um seine Müdigkeit, den Rausch und den Hunger zu verschlafen. Aber mit dem Schlaf ist es heute nichts; der Baßgeiger ist nicht heimgekehrt und so läuft sein Weib bei allen Musikanten herum, jammert und schreit und reißt sie aus dem Schlaf: „Wo ist mein Mann? Wo ist mein Mann?" — Wie die vom Schlaf und Branntwein Trunkenen endlich verstehen, was das Weib will, erfaßt sie ein Schauder. Eilends rennt man den Baßgeiger suchen. Doch nicht Weg, noch Steg ist zu sehen. Wie ein blendend weißes Totenkleid liegt der Schnee über der Erde. Wer kann da wissen, wo der Baßgeiger liegen jnag? Man kehrt unverrichteter Dinge heim. Nur eine Hoffnung bleibt: vielleicht hat sich der Verschollene in ein Dorf geschleppt und übernachtet dort. » So verstreichen einige Tage. Der Frost hat nachgelassen, der Schnee schmilzt. — Freitag. Die Menge geht zu Ehren des Sabbath ins Bad; den Gesprächstoff bildet natürlich 173

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