Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 196)
- Language
- German
- Belongs to
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Da nimmt der junge Mann sein Tonpfeifchen aus der Tasche und pfeift. Wie der Ton beginnt, geht Bewegung durch die Regionen unter dem Himmel; Scharen von Vögeln sammeln sich in der Höhe und lauschen . . . Und der sie zusammengeführt, sieht lächelnd wie ein Vertrauter zu ihnen empor. Dann steckt er sein Pfeifchen Wieder ein. All das hat der Jude nicht gesehen; denn er hat den Kopf nicht gehoben..... Der Ton der Pfeife hat die Hausfrau Und das Dienstmädchen aus der Küche gelockt; auch die Nachbarn, die das ungewohnte Geräusch neugierig gemacht hat, haben sich um das Haus versammelt. Da will unser Frager seine Geschicklichkeit vor der Menge zeigen und fragt weiter: „Wovon hast du im Wald gelebt?" „Von Pilzen." „Ein Feinschmecker! Doch sag* einmal, wovon hast du im Dorf gelebt?" „Von dem, was sie mir gaben ..." „Wer hat dir denn etwas gegeben?" „Ein Bauer, eine Bäuerin, manchmal der Pfarrer oder der Küster . . ." „Und was hat man dir gegeben?" Der Jude ist atemlos vor Neugierde. Jetzt wird die Sache erst interessant I Der junge Mensch antwortet in seiner verlegenen Weise; man habe ihm Kraut, Rüben, Fleisch oder Brot gegeben . . . „Aber ich habe nur Brot gegessen; was ich sonst erhielt, habe ich den Vögeln hingestreut." „Warum hast du nur Brot gegessen?" Er liebt nur Brot, andere Nahrung mag er nicht. Auch der Alte im Wälde hat ihn gefragt, was er esse. Und wie er ihm erzählt hat, daß er nur Brot ißt, dä hat ihm der Alte gesagt, er habe ihn um dessentwillen sehr, sehr lieb. Und et habe ihn darum auch gelehrt mit dem Vater sprechen . . . „Und auch ich habe den Altert sehf, sehr lieb; ich sage auch so ernst das ,Sch'ma Isroel',. weil er es mich geheißen . . ." Der Jude ist des Fragens noch nicht müde. „Und wenn der Alte dir befiehle, zu stehlen?" „Da würde ich stehlen." „Und rauben?" „Würde ich auch. Aber ich weiß, er wird es mich nicht heißen. Er ist so gut, der Alte." „Würdest du auch einen Menschen erschlagen, wenn er es dich hieße?" „Ja, gewiß!" „Hättest du keine Furcht vor dem Vater?" „Warum soll ich Furcht haben?" „Vor* seiner Strafe." Da lächelte der junge Mann und sagt still, aber festt „Ihr scherzet nur; ein Vater straft nicht." Hier wurde das Gespräch abgebrochen. Der Hammer pochte an die Türen und verkündete, es sei Zeit zum Minchagebet. Der neugierige Frager-ließ seinen Mann stehen 172