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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 171 (sequence 195)
Language
German
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IRI
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Der Bürger lächelt. „Aber hast du keinen andern Vater?" „Nein!" „Und deine Mutter?" „Muß man denn eine Mutter haben?" Der Jude lacht, daß ihn alles schmerzt. Ängstlich fragt der junge Mensch: „Darf ich schon gehen?" „Gleich darfst du gehen. Doch sag' mir erst, du Neunmalweiser: woher kommst du?" „Vom Dorf." „Wo liegt das Dorf und wie heißt es?" Darüber weiß der arme Mensch gar nichts. „Ist es weit von hier?" „Ich bin gegangen, gegangen, gegangen . . ." Das Wort „gegangen" wiederholte er so lange, bis seine Lippen fast versagten; dann endete er ganz außer Atems „und noch gegangen." „Wieviel Tage und Nächte bist du gegangen?" „Ich habe es nicht gezählt." Der Frager ändert das Gesprächsthema: „Kannst du beten?" Der junge Mann weiß nicht, was „Beten" ist. Sein Gegenpart setzt es ihm mit einem großen Aufwand von Beredsamkeit auseinander und über den Wehrlosen ergießt sich ein Redestrom, der ihn ganz verwirrt macht. Endlich glaubt er zu begreifen und platzt heraus: „Ihr meint, mit dem Vater sprechen?" »Ja> ganz richtig!" Der glückliche Worterklärer wälzt sich vor Lachen. „Ich kann ,Sch'ma Isroel* sagen." „Wer hat es dich gelehrt?" Und der junge Mann erzählt: Auf dem Wege vom Dorfe hieher ist er im Walde einem steinalten Manne begegnet. Der hat ihm gesagt, wer sein Vater ist, und hat ihn auch gelehrt, mit dem Vater reden, das „Sch'ma Isroel" sagen. Als er nicht verstand, was er mit den sechs Worten dem Vater sage, da hat ihm der Alte erklärt, der Vater verstehe es schon und habe seine Freude daran. „Und wann sprichst du mit dem Vater?" „Zweimal des Tages, dabei spiele ich." „Du spielst? Welches Instrument denn?" Er spielt das Instrument, das er gerade zur Hand hat. Im Dorfe hat er erst auf einem Grashalm gepfiffen, dann hat man ihm gezeigt, wie man eine Pfeife aus Weidenholz schnitzt. Hier im Ort hat man ihm ein Tonpfeifchen geschenkt und darauf spielt er. . . . „Wenn man dir nun zum Beispiel eine Geige geben würde?" Die Augen des jungen Mannes leuchteten: „Ah! wenn ich eine Geige hätte, wie die Stadtmusikanten, so eine große, große Geige, die man an einem Riemen trägt, dann wollt' ich spielen . . .!" „Nun, wir wollen sehen; vielleicht kauft man dir einmal so eine schone, große Geige mit einem Riemen dran. Zeig' erst, was du kannst!" 12* 171

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