Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 190)
- Language
- German
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Wirklichkeit erbarmungslos die Fäden, die die Phantasie gewoben, zerreißt und sie selbst an ihrem Werke hindert. Nach dem Tode des Helden hingegen, da die Phantasie des Volkes seitens der Wirklichkeit kein Hemmnis mehr hat, dann webt und webt sie die ' * ideale Form in all ihrer herrlichen Vollendung, ganz Helle und Licht, die Seele belebend und erhebend und fleckenlos. Herzl, der Lebende — da war es noch gar sehr möglich, gegen manche seiner Worte und Taten Zweifel zu hegen, und wer seine Augen dem geraden Blicke nicht verschließen wollte, war gezwungen, ihm manchmal mit aller Energie zu widerstreiten, sogar über manche Mittel, deren er sich bediente, sich aufzuregen. Aber Herzl, das ideale Bild, wie es jetzt vor unseren Augen im Geiste des Volkes geschaffen wird — wie herrlich wird sein Anblick sein und wie groß seine Macht, wieder auf den Geist des Volkes selbst seine Wirkung zu üben, ihn von dem Schmutze des Golus zu reinigen, in ihm das Gefühl der nationalen Ehre zu wecken und sein Verlangen nach wahrem nationalem Leben zu stärken! Der Anfang einer solchen Wirkung zeigte sich sogar schon, ehe die dreißig Tage der Trauer verstrichen sind; schon hörten wir zum Beispiel von einem Vorschlag, seinem Namen ein Denkmal zu setzen durch Gründung eines speziellen nationalen Fonds für Zwecke der nationalen Erziehung in Palästina . . . und Ähnliches mehr. Und noch hat auch die Phantasie ihr Werk nicht vollendet und ihre Schöpfung ist noch unvollkommen. Aber nach längerer Zeit, wenn die ideale Gestalt des nationalen Helden ihre höchste Vollendung erreicht haben wird — dann wird vielleicht auch er für unser Volk in unserer Zeit dasselbe sein, was die Urhelden unseres Volkes unseren Vätern in den vergangenen Zeiten waren; an ihn wird das Volk sein nationales Ideal in allem Licht und aller Reinheit heften, und von ihm wird es wieder Kraft und Macht schöpfen, um seinen Weg unermüdet weiter und weiter zu gehen. Ob jene Taten Herzls groß waren, daß er uns den Kongreß, die Organisation, die Bank, den Nationalfonds gegeben hat, — kann man unmöglich noch wissen. Alles hängt davon ab, ob diese Werke Bestand haben werden und in welcher Form. Aber eines hat uns Herzl unbewußt gegeben, das Größte vielleicht von allem, was er mit Bewußtsein geschaffen: er gab uns sich selbst als den Träger des Liedes der Wiederbelebung; so kann die Phantasie sich an ihm festhalten und ihn mit allen Vorzügen krönen, die erforderlich sind, um ihn zum jüdischen Volkshelden zu machen, an dem die nationalen Wünsche in ihrer wahren Gestalt sich verkörpern können.