Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 189)
- Language
- German
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Ich meinesteils glaube somit, daß der Tod des Führers in naher Zukunft eine Verengerung der Bewegung mit Notwendigkeit nach sich ziehen wird. Sei sein Stellvertreter wer immer — sein Platz wird nicht ausgefüllt werden: persönlicher Glaube kann weder vererbt, noch durch Majoritätswahl geschaffen werden. Und wenn der hypnotische Einfluß seitens jenes Einzigen, der dazu befähigt war, nicht mehr vorhanden ist, werden die Augen der Menge geöffnet werden, um die Dinge zu sehen, wie sie sind, und der Glaube an Wunder wird allgemach aus den Herzen schwinden. Dann werden all jene dem Zionismus den Rücken kehren, welche durch die Kraft jenes Glaubens zu ihm gezogen wurden, die ein nahes und absolutes Heil für das ganze Volk erhofften, und bleiben werden nur jene Wenigen, denen der Zionismus ein nationales und sittliches Ideal bedeutet, das mit der äußeren Not gar nichts zu tun hat. Aber in dem Maße, als die Bewegung an äußerem Umfange sich verkleinert, wird sie an innerer Kraft wachsen, indem alle ihr Treuen ihr Wesen und Ziel in Wahrheit verstehen werden, ohne von plötzlichen Zufällen abzuhängen, und je mehr sie an Quantität einbüßen wird, wird sie an Qualität gewinnen. Wie oben gesagt: verwickelt und gewunden sind die Wege der Historie, so daß sie kein Mensch vorhersehen kann. Wäre nun eine solche Reaktion von selbst, allmählich gekommen, indem die „Hypnose" durch den Gang der Sache selbst sich allmählich abgeschwächt hätte, (und Zeichen eines solchen Niederganges begannen sich schon in der letzten Zeit zu zeigen) — dann wäre sie so weit geraten, die Kraft der Bewegung selbst zu vernichten und diese vielleicht sogar für eine gewisse Zeit zum Stillstand zu bringen. So aber, da die Krisis „vom Himmel" kam, durch einen plötzlichen, äußeren Schicksalsschlag, kann sie das Wesen des Zionismus nicht verletzen, sondern nur deren äußeren Rahmen. Und in diesem Sinne darf man vielleicht erwarten, daß der tote Führer zu einer großen bewegenden Kraft werden wird, vielleicht zu einer größeren, als es der lebende war. Menschen solcher Art sind doppelgesichtig: sie selbst, als lebende und wirkende Menschen, haben nur für kurze Zeit, entsprechend der Kürze des Menschenlebens, eine große Kraft, und manchmal verausgaben sie ihre Kraft sogar an Dinge, deren Nutzen in Zweifel gezogen werden kann. Aber das Wesen ihrer Kraft und ihrer historischen Bedeutung lieg*t nicht in ihnen selbst, noch in den Werken, die sie wirklich geschaffen, sondern in jener idealen Form, welche ihnen die Phantasie des Volkes verleiht, das in seinen „Helden" die Verwirklichung seines Wunsches sieht. Diese Idealform nun, die sich das Volk in seinem „Ebenbilde" gestaltet, nach seinem Geist und seinem Bedürfen, sie wird selbst wieder umgekehrt zur wirkenden Kraft im Herzen des Volkes, um seine Gefühle zu wecken, seinen Willen zu stärken, im Kampfe um seine Existenz und um die Erlangung seiner nationalen Wünsche. Deshalb ist die Kraft des „Helden" größer nach seinem Tode als zu seinen Lebzeiten. Denn solange er noch lebt, setzen seine wirkliche Gestalt, seine täglichen Worte und Taten der Phantasie des Volkes eine Schranke, ermöglichen es ihr nicht, ihr eigenes Gebilde zur ganzen, notwendigen Vollendung zu bringen, indem die 165