Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 188)
- Language
- German
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stündlichen Lebens aus die fernen Folgen solch einer großen Bewegung in ihrer Ganzheit zu sehen und Vor- und Nachteil jeder Tat für sich genau abzugrenzen.-- Indes ist eines über allen Zweifel erhaben: in kurzer Zeit eine große Bewegung zu wecken, und wäre sie auch oberflächlich und allzu „laut", vermag nur ein Mann, in dem ein Funke von jenen einzigen Wundermännern lebt, welche in jedem Volke in fernen Zeitdistanzen aufstehen und mit starker Hand neue Wege bahnen. Ja, jenen, welche wie ich, den Anschauungen und Taten des verstorbenen Führers gegnerisch gegenüberstanden, wird das Wunder noch tausendmal größer: daß ein Mann imstande ist, in einer Menge von Herzen einen starken Glauben zu festigen an Dinge, die über Natur und Verstand gehen, die Kinder eines hartnäckigen und leidenerprobten Volkes nach sich zu ziehen, so daß sie ihm geschlossenen Auges nachfolgen, wohin er immer gehen mag, selbst wo ein Abgrund zwischen seiner und ihrer Geistesart klafft . . . Die Geschichte kennt solche Menschen^ in denen sich alle Vorzüge und Fehler vereinigt haben, die notwendig sind, um den Geist der Menge zu beherrschen, und solche Menschen können „Welten stürzen" durch die Kraft ihrer Individualität, welche sich die Massen unterwirft, ohne daß wir sagen könnten, wie und womit. Auch unsere Geschichte ermangelt nicht solcher Männer, aber sie haben in verschiedenen Zeiten verschiedene Gestalt, entsprechend der Verschiedenheit des Zeitgeistes. Einstmals glaubten unsere Väter, daß der „Messias" unser Land aus den Händen des Sultans befreien und all unsere Zerstreuten durch eine in ihn einströmende Gotteskraft sammeln werde, und nun hat der Glaube eine andere Gestalt angenommen, den Begriffen der Gegenwart angemessener, aber im Grund und Wesen doch der alte Messiasglaube, das heißt der Glaube an die individuelle Kraft eines „Idealmenschen", der so groß ist, um jenes doppelte Wunder vollziehen zu können: erstens, das Land unserer Väter — einerlei, ob durch Zeichen und Wunder oder durch diplomatische Zauberkünste — der Herrschaft seiner Bewohner und Besucher zu entziehen und es mit einem Male einem Volke zueigenzu geben, das in der Ferne wohnt und auf Rettung harrt — und zweitens, in das Land — einerlei, ob mit himmlischer Hilfe oder durch menschliches Planen — ein armes, in alle Weltgegenden zerstreutes Volk zu sammeln, bis in den Ländern der Zerstreuung auch fast keine Spur mehr von ihm übrig bleibe. Nur die „Hypnose" eines solcherweise begabten Menschen war imstande, eine große Menge zum Glauben an diese Wunder zu bringen und nur der Glaube an diese Wunder war es, der den Zionismus zur großen Massenbewegung machte und ihn aus dem engen Kreis hinausführte, in welchen er eingeschlossen war, ehe der Wundermann sich offenbarte. Denn ohne diesen Glauben, der den Zionismus zum Ende desGolus stempelte, zur Lösung der Judenfrage in ihrem ganzen Umfange — wäre ihm nur ein ethisches Ziel geblieben: das Herz des Volkes zu beleben, es durch Schaffung eines realen und freien nationalen Zentrums im Geiste zu einigen — und solch eine sittliche Bewegung hätte sich unmöglich rasch über alle Schichten des Volkes ausbreiten können, da sie eine gewisse Vorbereitung, eine Entwicklung von Verstand und Gemüt in einem für die Menge ungewöhnlichen Maße erfordert hätte. 164