Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 187)
- Language
- German
- Belongs to
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Folgen jeder historischen Tat sind wieder so verwickelt, daß es für einen Zeitgenossen überhaupt unmöglich ist, sie nach allen Seiten zu sehen und zu begrenzen. Manchmal erscheinen uns die Taten ganz und gar nicht auf das gesuchte Ziel hin gerichtet, und trotzdem kann man unmöglich mit absoluter Bestimmtheit behaupten, daß die Mühe daran vergeblich war. Die Erweckung der schlummernden Kräfte, deren Sammlung und Nutzung zu einem Ziele — dies allein kann im Leben des Volkes schon nicht ohne Eindruck für die Zukuft bleiben, selbst wenn für eine bestimmte Zeit die gesammelten Kräfte in ungeeigneten Taten zur Äußerung gelangen; ja die Taten selbst, wenn auch als Mittel zum Zwecke ungeeignet, entbehren nicht gänzlich der Nützlichkeit als Vorversuche, aus denen eine Lehre für die Zukunft hervorgeht; umsomehr als, wie schon gesagt, es überhaupt unmöglich ist, im vorhinein zu sehen, welches die Folgen einer Tat für ferne Zeiten sein können. Zu ihrer Zeit sehen wir sie nur von einer Seite; von der Seite ihrer direkten Beziehung zu dem durch sie zu erreichenden Zweck, und wir billigen oder mißbilligen sie je nach ihrer Eignung zur Erreichung des erstrebten Zweckes. Das historische Leben hingegen ist vielseitig, und es kann vorkommen, daß über Jahr und Tag, nachdem schon alle darüber eins geworden sind, daß die Tat nicht erreicht, was ihre Urheber damit erreichen wollten, — daß erst dann der Gang des Lebens offenbart, wie jene Tat, ihren Urhebern unbewußt, großen Nutzen in gänzlich anderer Richtung gebracht hat, was zu ihrer Zeit weder die Ausführer der Tat noch deren Gegner sahen und sehen konnten. Und wenn wir im Buche der Historie auf solche Ereignisse stoßen, dann müssen wir voll Staunen stehen bleiben und uns sagen: wie merkwürdig ist nicht die Verkettung von Ursachen und Wirkungen im Menschenleben! Diese und jene Ursachen zwingen die Kinder jener Zeit ihre Augen dem geraden Blicke zu verschließen und solches und solches zu tun, was nach dem Urteil des gesunden Menschenverstandes nur eine Kräftevergeudung war — und gerade jene mißratenen Taten brachten solche Folgen, welche anfangs gar nicht in der Absicht lagen und wieder zu Ursachen wurden, die zuletzt das Volk zu einem neuen Zustand brachten, auf einem Wege, den die Ersten ihrer Zeit gar nicht geahnt.-- Und ein „historischer" Augenblick, der solche „historische" Gedanken weckt, ist zweifellos auch der eben vorüberziehende: der Tod des Mannes, der der Bewegung der Wiederbelebung unseres Volkes eine neue Gestalt gab und dem es im Laufe weniger Jahre gelang, Myriaden von Herzen zu erobern. Ob sein Weg immer der richtige war, ob die Mittel, deren er sich bediente, wirklich auf das Ziel hinführten und ob er das Ziel selbst in seiner wahren Gestalt auch gut gesehen hat, — auf diese Fragen kann ich nicht hier antworten, denn soweit dies überhaupt in der Gegenwart möglich ist, habe ich dies in jenen Aufsätzen getan, die sich auf diese Sache beziehen, in dem vorliegenden und in dem vorhergehenden Bande. Aber in diesem Augenblicke fühlt sich das Herz unwillkürlich zu allgemeineren Erwägungen hingezogen, über die Einzeltaten der Gegenwart hinaus, und bei all unserer Gegnerschaft dieser und jener Tat gegenüber können wir doch nicht leugnen, daß es überhaupt unmöglich ist, von den „vier Ellen" des 163