Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 186)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach dem Tode Theodor Herzls. Von ACHAD-HAAM. (Aus der Einleitung zum zweiten Bande seiner gesammelten Schriften.) Aus dem Hebräischen übertragen von ERNST MÜLLER. ... Zu der Zeit, als das ganze Buch beinahe schon im Druck vollendet war, ereignete sich das Unglück, daß jener Mann starb, der in den letzten Jahren der Entwicklung unseres nationalen Lebens seinen Stempel aufgeprägt hat und gegen dessen Anschauungen und Taten manche der folgenden Aufsätze gerichtet waren. Würde das Buch jetzt, nach dem Tode des Doktor Herzl, in Druck gegeben, dann hätte ich vielleicht manches darin ausgelassen oder geändert, was dem Lebenden gegenüber den Rahmen des Taktes nicht überschreiten mochte, in Bezug auf den Toten aber hart zu klingen scheinen könnte. . . . Aber ich empfinde das Bedürfnis, auch meinerseits hinter der Bahre des großen Toten einige Worte zu sagen. Bleibt doch, auch wenn man von Wundergeschichten absieht, genug für ihn, um als ein Mann, einzig in seiner Art, betrachtet zu werden. Gewiß kann es nicht meine Absicht sein, Eulen nach Athen zu tragen, auch meine Träne mit zu ergießen in jenes Tränenmeer, das jetzt mit lauten Tönen an allen Enden des Exils flutet. Tränen, echte und künstliche, sind schon genug vergossen worden und jetzt dünkt es mich passender, uns selbst in lauterer Erkenntnis Art und Folge dieses großen Verlustes klar zu machen. Sogar der gewöhnliche Politiker, der gewohnt ist, immer nur an den Werken des Tages zu hängen, an den Parteikämpfen mit. allen dieselben begleitenden Erscheinungen, — sogar ein solcher kennt Augenblicke, wo er durch einen plötzlichen Zufall sich wie von der Stelle gerückt findet; indem sich sein Geist aus den Grenzen des ihn umtosenden Lebens entfernt, in welchem er selbst Schöpfer und Geschöpf ist, betrachtet er es wie ein Außenstehender, mit den Augen jenes historischen Richters, der es einmal sehen soll, nicht im engen Horizonte der Gegenwart, sondern als ein, sei es großes oder kleines, Glied in der Kette der allgemeinen, von Geschlecht zu Geschlecht gehenden Entwicklung des nationalen Lebens. Unter solchem Aspekte verändert sich das Bild vollständig. Die Einzeltatsachen, an denen wir mit ganzer Seele hängen, über die wir urteilen und voll Erregung und Erbitterung miteinander streiten — als hinge Leben und Tod der ganzen Nation daran, ob dies und das diesem oder jenem zurecht geschieht — all diese Einzeltatsachen mit all ihrem Lärm und Getöse, ihren Schmerzen und Freuden verschwinden dann und erscheinen nur mehr in ihrer Ganzheit und Einheit, und nur so werden sie verbunden und eingeschätzt, entsprechend den ihnen vorangehenden Ursachen und den aus ihnen fließenden Folgen innerhalb des Lebens eines Volkes. Und die Ursachen und 162