Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 181)
- Language
- German
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Fackel gegeben wurde dem fernsten Urahn, die ein Geschlecht dem zweiten hell-leuchtend und strahlend in die Hand zu drücken verpflichtet sei kraft uralter Bestimmung. In solchen Zeiten des Sichbesinnens glühte in seinen Augen der Funke der Schöpfung und er hätte dahinstürzen mögen in den wildesten Kampf für eine heilige Sache. Anders aber sind die Ziele des Wollens und anders die Gesetze der Wirklichkeit. An der kalten Beharrungskraft des Seienden brach sich sein aufflammender Drang zur Tat und verbittert versank die Flamme, zuckte und schwelte und blieb in Asche. Er aber verlor immer mehr den hellen Glauben an Bestimmung und Gottgeweihtsein; und sprachen zu ihm im Rausche des Taumels Stimmen aus Vergangenheit und Jugendhoffnungszeiten, so warf er trotzig den Kopf empor, trällerte ein Lied und die Mahner seiner Seele waren ihm verhaßt. Und so kam es, daß der zweite Sohn versank in den Schmutz des Tages und daß er irr wurde an des Lebens Ziel. Und die zweite Pappel erkrankte, ward welk, innen faul und morsch. Doch stand sie noch aufrecht und trotzte dem Untergang. Eines Tages zerschnitt endlich der zweite Sohn die Bande, die ihn an sein Geschlecht knüpften. Er verleugnete sein Blut, tauchte seine Seele in Unflat, heuchelte und diente um Vorteile willen. Da sank die Pappel in sich zusammen und verbreitete in ihrem Falle einen widerlichen Fäulnisgeruch, daß alles, was in der Nähe stand, davon betroffen ward. Die dritte Pappel aber hatte lange Zeit ein sonderbares Aussehen. Sie ward nicht mächtig gewachsen und schwankte nie. Denn der dritte mit dem träumerischen Gesicht, der ausgezogen war als Gotterkorener und Kampfbereiter, schaute mit verwundertem Blick in die Welt, und Nacht und Tag, Werden und Vergehen schienen ihm wunderbar und voller Rätsel. Er fand keinen Zweck und sah nur, daß die Dinge aus dem Grunde fließen mit unwiderstehlicher Macht und daß sie in ihren Strömen den Grund führen für vielfältiges, neuscheinendes, immer wiederkehrendes Sein. Und des Werdens Zusammenhang, der unendlich aus Vergangenheit in Zukunft zieht, stand vor ihm wie ein gramdurchfurchtes Gesicht, dessen Augen von Gedrängtsein sprechen und in die Welt Blicke voller Wehmut und Mitleid schicken. Und darum schien ihm alles notwendig und bedauernswert und er schlich durch die Tage ohne Anlaß zum Leben, ohne Ursache zum Sterben. Denn nichts fand er, das ihm wert gewesen, daran sein Alles zu setzen und ihm fehlte der Glaube und die freie Tat. Und Willen mochte er nicht haben, nicht zum Guten und nicht zum Bösen. Unstet zog er nach rechts, um bald darauf nach links zu gehen im fortwährenden Zickzack, weglos, planlos, glücklos. Und oft ward sein Sinn schläfrig. Im Herzen aber dröhnte des Geschlechtes Ruf und lebte noch der Zeiten Hoffnung. So begann er denn immer von neuem das Wunder Leben zu bekriegen und irrte jahrelang der Dinge tiefinnerstem Wesen auf der Spur. Und war der erste am Weibe gestrandet und der zweite am Leben zerschellt, so stürzten und spien den dritten Leben und Liebe immer weiter hinaus, wie er gewesen: um eine Hoffnung ärmer, mit brennenderen Fragen in den Augen und mit traurigerem Sinn. 159