Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 182)
- Language
- German
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Und einstmals, als er auf einsamer Waldwiese lag-, die Augen zum Himmel gewendet und Tatsehnsucht im Herzen, da rief ihm eine innere Stimme, die um sich zu sammeln, die auf der Suche sind nach Großem und Unbekanntem, die sich unter der Qual ihres Ichs winden und heimlichen Traum hegen an das Gute, Einheitliche, Geschlossene und Einfache. Und so stieg er denn von Berg zu Tal, zog von Hütte zu Hof und suchte die Sehnsuchtskranken, ihm Gleichgestimmten. Und er blickte in Seelen und las im Herzen, sah Alt und Jung und forschte in trüben Greisen-, sanftträumenden Mädchen- und sonnenglänzenden Kinderaugen. Denn sein Wunsch war: Menschen zu formen mit geradem, unbeugsamem Ja und stolzem und fröhlichem Nein, Menschen, die so tun, wie sie es für recht finden, und mögen sie darob freudlos durch's Leben wandeln. Und viele kamen zu ihm und sagten Ja, wenn er Ja sagte, und riefen Nein, wenn er Nein rief. Er meinte ein Lehrer und Menschenbildner zu sein und die Welt erschien ihm voll Glanz und blinkender Helligkeit. Doch ließ des Zweifels Wurm nicht von ihm und als er in sternheller, silberluftklarer Nacht wachen Geists in den Himmel starrte und seiner Gefährten dachte, des Tonfalls ihrer Stimmen und der Bewegungen ihrer Hände, da war's ihm, als ob tausend Fratzen ihn angrinsten, als ob tausendfach ein Echo zu ihm herübertönte, das Echo dessen, was er in heimlicher Qual zu seiner Lebenslüge gemacht, um Sinn in sein Dasein zu bringen. Und ihn erfaßte wildes Weh; uralte Unrast raste durch seine Adern und das Haupt auf die Brust gebeugt, wie in brennender Scham über seine Träume und seine Täuschung, verließ er seine Gefährten. Unstet wanderte er fortan, denn es fehlte ihm der Glaube und die freie Tat und Willen mochte er nicht haben, nicht zum Guten und nicht zum Bösen. So ging denn auch die dritte Pappel zugrunde. Nicht urplötzlich im Sturmgepolter, sondern langsam und stückweise. Und ihr Untergang war nicht ein rascher Tod, sondern qualvolles, langwährendes Sterben. Der Mann, dem das Haus und die Pappeln gehörten, saß einsam und glücklos. Seine Augen waren ohne Glanz und seine Ohren mochten nichts hören. Scheu schlich er durch die Tage und hinter ihm schritt der Schmerz getäuschten Hoffens. Das alles geschah vor vielen, vielen Jahren. In langen Winternächten aber, wenn Sturmwinde an den Fenstern rütteln, da rücken in trüberleuchteten Stuben die Köpfe der Spinnerinnen zusammen, Geisterflügel schlagen in der Luft, aus Winkeln und hinter Kästen kriechen Geheimnisse und Schauermärchen hervor und fahle Lippen erzählen die Wundersage von den drei Pappeln und den drei Söhnen, die in die Welt gezogen waren, dort verschollen blieben, und deren Schicksal, sagt man, im ewigen, gleichbleibenden Wechsel der Dinge sich an vielen, allzuvielen wiederholt, welche ausziehen, die Welt zu bekriegen und den Sinn des Lebens zu erforschen.