Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 158 (sequence 180)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1112869-9311769--513-1113052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Da zog der erste hin ins Dunkel des Lebens und sah, daß die Menschen unfrei waren. Er begann zu reden gegen Haß und Unterdrückung und suchte den Kreis der Schwachen und Schwächsten, sprach ihnen Mut zu und bereitete sie vor für die Stunde des Streits. Er erzog ihren Geist und grub die tiefsten Wurzeln ihrer Seelen auf, hob sie an's Tageslicht und lehrte ihre Herzen den Sinn des Seins. So ward er denn ein reiner Kämpfer im Dienste selbsterkannter, im verborgensten Grunde seines Wesens ruhenden Wahrheit. Und er blieb einfach, stolz und ohne Leidenschaft^ Unterwegs jedoch traf er Freunde und lernte sie lieben. In stillen Stunden hielt er Rast mit ihnen und sah ins ewige Ringelspiel der Welt. Er schaute Mütter und Kinder, Bräute und Liebende und insgeheim freute er sich an der Lust des Einzelnen. Und in Wundernächten der Einsamkeit saß er am Rande des Weges, blickte in den Frieden des Himmels, neidete den Herzenseinfältigen ihre Minuten des Traumglücks und entdeckte in sich Sehnsucht nach Einerlei, Alltag und Gegenwart. Da kam er auf seiner Wanderfahrt durch's Leben in eine ferne Stadt. Ihm war jedoch eine leichtgeschürzte Dirne vorangeeilt und so geschah es, daß ihm die Leute mit Verwunderung, Unverständnis und Neugierde entgegentraten. Weil aber die Mädchen von dem Fremdartigen am meisten angezogen und gereizt werden, stellte sich ihm ein Mädchen in den Weg, welches große, kindlich fragende Augen hatte. Diese Augen lockten ihn und er widerstand nicht. Und ehe ein Jahr in den Rachen der Ewigkeit versank, ward er ihr Sklave, trotzdem er wußte, daß das Mädchen keine Seele hatte, wie er sie im Laufe der Jahre ersehnt. Doch war von ihm bereits die einfältige Kraft seines Geschlechts gewichen: er war schwach geworden und folgte dem Weibe, freute sich an seinem Leibe und demütigte so seine stolze Art, da er sich begnügte, zu genießen, ohne zu achten. Und er vergaß, daß er einst ausgezogen war, gegen Unfreiheit zu kämpfen und blieb selber unfrei in seiner Seele. Und langsam begann eine Pappel ihre Blätter zu verlieren, zu verdorren. Als aber eines Tags der erste Sohn es für recht fand, bei seinem Weibe zu verziehen, da es sich in seiner ganzen Armut der Seele gezeigt, so entstand ein mächtiger Sturm und die erste Pappel brach unter erschrecklichem Getöse zusammen; denn der mit ihr durch Urvätergeheimnis Verbundene, der bestimmt war, den steinigen Pfad zur Sonne zu gehen, hatte seine Würde verloren als heiliger Mensch, welcher nur das tut, woran er aus vollem Herzen glaubt, und nur dem gehorcht, was er in den tiefsten Gründen seiner Seele fühlt. Nach dem ersten Sohne war auch der zweite gezogen ins Menschengewühl mit lachendem Sinn und gierigen Augen. Und er fand Gefallen am Leben, seinem ewigen Wechsel, Flitter und Glanz und er dachte nicht an der Dinge wahres Wesen. Nun da er lockiges Haar hatte und seinen freundlichen Mund, lockten ihn die Freuden und liebten ihn die Weiber. Und so verfiel er ihren Schlichen und schlürfte den Genuß. Zwischen Taumel und Sichgehenlassen aber umkreisten ihn wie Nebelkrähen Ekel und Verachtung; in ihm regte sich des Geschlechtes heilig Blut und mahnte ihn, daß eine 158

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.