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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 157

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 157 (sequence 179)
Language
German
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IRI
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Die drei Pappeln. Von MOSES WALDMANN. A\*telß wwk WM w/}\j.M \or vielen Jahren war da ein Mann aus Priestergeschlecht: der hatte ein großes Haus und davor drei Pappeln stehen. Diesen waren grüne, glänzende Blätter zu eigen mit silbernen Haaren auf der Rückenseite. Und stürmte ein Wind, so steckten die Pappeln die Köpfe zusammen, als hätten sie etwas Schweres auf ihrem Herzen aus Mark und als ob sie einander heimliche Geschichten aus grauer Vergangenheit zuraunen wollten. Denn im jahrelangen Wachen und Warten über des Hauses Geschick brachten sie vieles in Erfahrung, das sie treulich im Inneren aufbewahrt hielten. Hatten sich aber die Stürme verzogen und war die Windstille als Königin über das Land gesetzt, so zitterten die Pappelwipfel wie in verhaltener Sehnsucht; nur die Blätter raschelten leise und erweckten den Anschein schlafender, aus dem Traume lispelnder Kinder. Nun besaß der Mann drei Söhne: der eine mit hoher Stirne und glühenden Augen; der zweite mit lockigem Haar, lustigem Blick und vollen Lippen; der dritte, länglichen, träumerischen Gesichts, mit einer sehnsuchtsbangen traurigen Seele. Und es ging im geheimen eine Sage in dem Land von den drei Pappeln und den drei Söhnen. Wer sie zuerst ^erzählt, wußte man nicht, wie man keine Kunde hatte, durch wessen Sinn sie zum letzten Male geschwirrt. Um Mitternacht indes, wenn einsame Wanderer des Wegs zogen und das Pappelnrauschen hörten, vermeinten sie Rede und Gegenrede, Klageton und Geistersang zu vernehmen. Und in den Nachbarhäusern berichteten alte Mütterchen und welke Greise von Wundern und Geschehnissen und, wenn die Uhr in langsamem, schnurrendem Schlag Halbnacht verkündet, ein Sturmwind am Fenster gerüttelt hatte, rings ein Zuschlagen von Türen vernehmbar und Gesumm und^Pfeifen lebendig ward, da rückten die Köpfe zusammen und aus halbgeschlossenen Lippen glitt in die Zuhörerschar zaghaft und halblaut die Sage von den drei Pappeln. Doch achteten die Söhne wenig auf Sage und Kunde und der Mann noch weniger. Ehe aber dreißig Jahre ins Land gezogen kamen, da war die sonderbare Bewandtnis der drei Söhne und der drei Bäume allen Leuten kund und alles traf ein, was man sich erzählt hatte. Denn der Ahne des Geschlechts, der die Pappeln gepflanzt, war ein gar gottesfürchtiger und heiliger Mann. Und er legte ein Geheimnis in die Samen, daß sie aufwüchsen zu starken und geraden Stämmen und solang bestünden, als das Geschlecht seine Art behüte, gut und heilig bliebe im Menschlichen und gerade und stark in Männlichkeit. So wuchsen denn die drei Söhne auf und zogen in die Welt zu kämpfen gegen Dunkel und Lüge. Und es ward ihnen mitgegeben als Erbteil ihres Bluts ein klarer Verstand und ein kühner Mut. 157

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